Spaethfolge (143) ( Gastautor werden )

Ausgeliefert

24.07.2013 - 12:46 0 Kommentare

Kaum ein Ereignis eignet sich so gut zur Selbstdarstellung für Airlines und Hersteller wie die Erstauslieferung eines neuen Flugzeugtyps an einen Kunden. Bei manchen dieser Events laufen die Macher zu großer Form auf.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

„Ein neues Flugzeug ist wie ein neues Leben“, könnte man den albernen Schlager über die Liebe abwandeln. Aber fast so scheint es oft, wenn eine Fluggesellschaft endlich ihr erstes Exemplar eines manchmal langersehnten neuen Flugzeugtyps vom Hersteller erhält. Und das ist meist Anlass für große Events, zu denen Ehrengäste und Journalisten schon mal um die halbe Welt geflogen werden.

Wann besser als zu diesem Zeitpunkt ließe es sich wohliger in jenem Glanz sonnen, den ein brandneues, blankpoliertes, werksfrisches Flugzeug auf alle Beteiligten wirft? Dann ist in Ansprachen und Pressemitteilungen stets von Meilensteinen die Rede, einer neuen Ära, Fortschritt, Innovation, Komfort, Umweltfreundlichkeit und Effizienz. Nur zu gern stellen sich sogar sonst eher medienscheue Airline-Größen bei einem solchen Anlass vor alle Fernsehkameras und Fotografen, stets darauf achtend, dass hinter ihnen das neue Prunkstück auch gut ins Bild kommt. Eine bessere Werbewirkung, das wissen sie, gibt es nirgends.

Ich habe sicher schon ein Dutzend von diesen Auslieferungen miterlebt. Erst in den letzten Wochen war ich bei beiden großen Herstellern bei zwei solcher Ereignisse dabei. In Seattle bei Boeing, zur ersten Auslieferung einer 787 an den norwegischen Billigflieger Norwegian für deren neue Langstrecken, zuletzt bei British Airways’ Übernahme der ersten A380, und dann jeweils auch auf den Auslieferungsflügen zu den Heimat-Hubs beider Airlines.

Die Möglichkeit zum Mitfliegen gibt es nicht immer, denn häufig werden auf den „Delivery Flights“ keine externen Gäste mitgenommen, weil entweder noch nicht alle Kabinen-Bestandteile eingebaut sind oder das Flugzeug gar noch nicht von der heimatlichen Luftfahrtbehörde zugelassen ist. Das schien früher kein Problem – da wurde in den noch fast leeren Kabinen etwa der ersten Boeing 747 für Condor 1971 noch eine Tischtennisplatte zur Betätigung der Ehrengäste aufgebaut.

Ich hoffe dagegen bis heute darauf, einmal den Auslieferungsflug eines Embraer-Jets von Brasilien nach Europa mitzumachen. Doch das scheiterte bisher auch an den Gewichtsbeschränkungen beim Sprung über den Südatlantik. Embraer kann bei Auslieferungszeremonien jedenfalls stets mit brasilianischem Charme punkten und baut im Hangar dann schon mal eine Cocktailbar mit frischen Caipirinhas und Chill-Out-Musik auf.

Das war früher bei Saab in Schweden undenkbar, als die noch Flugzeuge wie die Saab 2000 bauten. Da war ich 1995 bei der Übergabe des ersten Flugzeugs an die Deutsche BA dabei. Dort wurde doch tatsächlich mit Apfelbrause angestoßen, Alkohol sei im Werk streng verboten, erklärte man uns.

Meist legen sich die Flugzeughersteller aber sehr ins Zeug, um ihren Kunden mit seinem ersten Flugzeug im rechten Licht zu präsentieren – sofern es der Kunde überhaupt wünscht. Boeing hat neulich ein sehr stimmungsvolles „Delivery Dinner“, eine andere unvermeidliche Stufe im feierlichen Auslieferungsprozess, im hauseigenen „Future of Flight“-Museum in Everett für Norwegian gegeben.

Airbus ließ auf Kunden-Bitte ein Gourmet-Frühstück (inklusive Champagner morgens um neun) im schicken Auslieferungszentrum in Toulouse bereitstellen, bevor die British Airways-A380 mit gerade mal 50 Passagieren und viel Understatement nach Heathrow startete.

Airbus kann aber auch anders: Unvergessen die Feierlichkeiten 2008 in Hamburg zur ersten Auslieferung der A380 an Emirates, wo Hunderte von begeisterten Mitarbeitern wie bei einer Olympia-Eröffnung aufmarschierten. Der anschließende Flug aus Finkenwerder nach Dubai ist mir in guter Erinnerung – ich durfte als Erster überhaupt in der Luft die First Class-Dusche benutzen und wurde dabei von einem TV-Team gefilmt. Zum Glück hatte ich dafür extra an meine Badehose gedacht.

Früher gab es sogar Feuerwerke, um ein auszulieferndes Flugzeug vor staunenden Ehrengästen abends ins richtige Licht zu rücken, etwa 1997 bei der Auslieferung der ersten Boeing 777 an Lauda Air. Damals waren auch noch üppige Auslieferungsgeschenke üblich – aus den beiden Kristall-Weingläsern mit entsprechender Gravur trinke ich heute noch. Und auch sonst nahm die dazu eingeladene Wiener Society gern alles mit was ging – Niki Nazionale spendierte damals für die rund 150 Ehrengäste auch noch zwei Tage in Las Vegas auf dem Weg von Seattle nach Wien.

Und damit endete die Party immer noch nicht - in Schwechat wurden wir dann bei einem Volksfest von 20.000 Besuchern willkommen geheißen. Das schafft nicht mal Emirates.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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