Spaethfolge (68) ( Gastautor werden )

Ausgebetet in Alaska

08.02.2012 - 08:25 0 Kommentare

Dem Himmel so nah: Glaube und Fliegen gehöre nicht zusammen, befand jetzt Alaska Airlines und beschert den Passagieren keine Gebetskärtchen mehr auf dem Essenstablett. Andere Airlines fliegen weiter mit ganzen Gebetsräumen.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Wer viel reist, durch unterschiedliche Länder und Kulturen, lernt schnell eine grundlegende Lektion: Beim Smalltalk mit Gastgebern oder Zufallsbekanntschaften sind zwei Themen tabu: Politik und Religion. Aus gutem Grund: Beide Bereiche bergen großes Potenzial für Missverständnisse oder Konflikte. Doch beim Fliegen und dem Glauben ist das irgendwie ein bisschen anders. Schließlich ist niemand dem Himmel so nahe wie Flugzeuge und ihre Insassen. Und irgendwie scheint es immer noch vielen wie ein göttlich inspiriertes Wunder, dass der moderne Mensch einfach so 12.000 Meter über dem Erdboden mit annähernder Schallgeschwindigkeit von A nach B sausen kann, sicher und bequem. Da ist es kein Wunder, dass sich beim Fliegen selbst mancher Atheist seinem Schöpfer näher fühlt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die englische Redewendung „On a wing and on a prayer“. Gern genutzt, steht sie oft über Zeitungsartikeln über Airlines, die pleite zu gehen drohen oder über solche mit Sicherheitsproblemen. Wörtlich übersetzt heißt sie so etwas wie „Auf einer Tragfläche und einem Gebet“. Tatsächlich bedeutet es aber „Auf gut Glück“, und sogar Frank Sinatra hat die Sentenz schon in dem gleichnamigen Evergreen „Coming in on a wing and a prayer“ geschmettert. Jedenfalls wird darin klar ein Zusammenhang zwischen Fliegen und Beten postuliert.

Ob das Alaska Airlines in den siebziger Jahren auf die Idee brachte, ihren Passagieren mit dem Bordmenü kleine Gebetskärtchen mit stimmungsvollen Naturfotos und Psalmen wie „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich“ vorzusetzen, ist nicht überliefert. Das war Teil der Marketing-Strategie und sollte zum Wohlgefühl der Passagiere beitragen, erklärte die Gesellschaft. Allerdings durften sich daran seit 2006 nur noch die Passagiere der sogenannten „First Class“ erfreuen, denn nur die bekamen noch Essen serviert, und das auch nur auf Flügen über vier Stunden Dauer, wie eben heute in der amerikanischen Luftfahrt üblich.

Gerade beim Erdulden von Härten wie der fehlenden Servicequalität, dem Mangel an Nahrungszufuhr oder eben auch nur den schwierigen Bedingungen eines Lebens in Alaska (in Fairbanks, wo schon die Concorde zu Kältetests weilte, sind es derzeit minus 39°C) wäre allerdings vielleicht göttlicher Zuspruch durchaus willkommen gewesen. Jedenfalls hat Alaska Airlines die Gebetskärtchen letzte Woche ersatzlos abgeschafft. „Immer mehr Passagiere fanden, dass Religion in einem Flugzeug nichts zu suchen habe“, so eine Sprecherin, „religiöser Glaube ist etwas zutiefst Persönliches“. Tatsächlich. Das ist den Alaskanern ja früh aufgefallen. Aber so weit ab vom Schuss dauert es eben manchmal etwas länger, bis sich solche Erkenntnisse durchsetzen.

Das macht ja Alaska gerade so einzigartig, auch was die Fliegerei betrifft. Ich liebe diesen Flecken Erde. Grandiose Natur und unglaubliche Oldtimer-Flugzeuge. Aber auch manch reaktionäre Zeitgenossen. Denn natürlich musste sich in Alaska auch noch die Politik in Gestalt der unsäglichen Sarah Palin einmischen und gegen die Gebetskarten-Abschaffung protestieren.

Anderswo allerdings, gerade im Islam, wird Fliegen und Glaube durchaus weiter miteinander verbunden. Dabei sind Muslime während des Reisens eigentlich von der Pflicht zum Beten ausdrücklich ausgenommen, heißt es. Viele arabische Gesellschaften bieten in der Air Show, der interaktiven Karte, die den Flugverlauf anzeigt, eine genaue Angabe über die Entfernung von Mekka und die Richtung, in der es gerade liegt. Malaysia Airlines geht sogar noch weiter und hält in ihren Boeing 777 einen kleinen Gebetsraum vor. Iran Air verfährt in ihren alten Boeing 747SP ähnlich, und Saudi Arabian Airlines nennt ihre entsprechenden Verschläge sogar „Moschee“, auch wenn keine Minarett-Imitate darüber aufragen. Notfalls suchen sich fromme Muslime sowieso jeden verfügbaren Platz an Bord, um ihre Gebetsteppiche auszurollen.

Ich bin vor einiger Zeit auf dem längsten Linienflug der Welt von New York nach Singapur geflogen, 18 Stunden und elf Minuten nonstop. Umnachtet fand ich mich auf dem Weg zur Toilette plötzlich mit einer vermeintlich überirdischen Erscheinung konfrontiert und dachte ich träume: Eine Kollegin von mir stand Kopf, verharrte wirklich reglos im Kopfstand neben der Tür 2L. Ihre Akrobatik war allerdings nicht religiös motiviert, wie ich später herausfand, sondern der Versuch, an Bord ihre Yoga-Übungen abzuhalten. Da kann ich nur mein Mantra aufsagen: Soll doch jeder auf seine Weise glücklich werden.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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