"Es bleibt abzuwarten, ob es wieder zu Streiks kommen wird"

14.01.2016 - 09:53 0 Kommentare

Wolfgang Waschulewski ist Vorsitzender des BDSW-Fachverbands Aviation. Im airliners.de-Interview spricht er über Tarifverhandlungen für das Sicherheitsgewerbe, Gefahren von Streiks und die besonderen Anforderungen in der Aviation-Security.

Wolfgang Waschulewski - © © BDSW -

Wolfgang Waschulewski © BDSW

Wolfgang Waschulewski ist seit November 2015 erster Vorsitzender des neugegründeten Fachverbands Aviation im Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW). Der Fachverband vertritt die BDSW-Mitgliedsunternehmen, die mit ihren rund 20.000 Beschäftigten auf den deutschen Flughäfen Sicherheitsaufgaben wahrnehmen. Jetzt stellte er sich den Fragen von airliners.de.

In etlichen Bundesländern stehen in diesem Jahr neue Tarifverhandlungen für das Sicherheitsgewerbe an und zumindest gefühlt streiken die Gewerkschaften für diesen Bereich "gerne" an Flughäfen. Muss sich die Luftverkehrsbranche also auch in diesem Jahr wieder auf etliche Streiks einstellen?
Wolfgang Waschulewski: Es ist richtig, zur Zeit verhandeln wir bereits für Sicherheitsmitarbeiter an Verkehrsflughäfen in Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland. In Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sowie Bremen und Niedersachsen konnten wir zwischenzeitlich schon Tarifvertragsabschlüsse erzielen und das ohne Streik. In Hessen geht es in die zweite Verhandlungsrunde und es bleibt abzuwarten, ob es wieder zu Streiks kommen wird. Gerade am Frankfurter Flughafen fand in der letzten Tarifrunde einer der schlimmsten Streiks statt. Wir hoffen, dass sich dies so nicht noch einmal wiederholt. Am Ende des Jahres finden dann noch die Verhandlungen für die Flughäfen in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg statt. Verdi nutzt immer wieder die besondere Aufmerksamkeit an den Flughäfen und auch die große Sensibilität dort, um Streikmaßnahmen zu platzieren. Egal ob Pilotenstreiks, Streiks des Bodenpersonals oder eben der Sicherheitsmitarbeiter - das Uhrwerk des Flughafens ist so kompliziert, dass der Ausfall nur eines Zahnrades zum Zusammenbruch des ganzen Gebildes führen kann. Daher fordern wir schon seit Jahren für den Bereich der kritischen Infrastrukturen strengere Anforderungen an die Streiks, wie etwa rechtzeitige Ankündigung und Aufrechterhaltung von Notmaßnahmen.

Wäre es nicht sinnvoll, die Lohn-Tarifverträge, wie bei den Arbeitszeiten auch, in einem bundesweit einheitlichen Tarifvertrag zu verhandeln oder wäre das bei der momentan enormen Spreizung der Gehälter in den verschiedenen Bundesländern zu teuer?
Waschulewski: Für den Bereich der Sicherheitsmitarbeiter an den Verkehrsflughäfen ist genau dies unser Ziel. Bereits im Jahr 2013 haben wir einen bundesweiten Manteltarifvertrag abgeschlossen. Leider hat sich bislang unser Tarifvertragspartner nicht davon überzeugen lassen, auch einen bundesweiten Entgelttarifvertrag zu verhandeln. Für die Beschäftigten an den Verkehrsflughäfen ist mittel- bis langfristig das Ziel, einheitliche Löhne für die verschiedenen Tätigkeiten zu generieren. Die Löhne der Sicherheitsmitarbeiter in der Fluggastkontrolle liegen heute bereits zwischen 13 Euro (wird gerade neu verhandelt) und 16,29 Euro in Baden-Württemberg. Das sind stattliche Gehälter für einen Anlernberuf. Beispielsweise in NRW sprechen wir von einer Vergütung von rund 3.200 Euro monatlich inklusive Zuschlägen und Zulagen und einem steuerfreien Jobticket, gerechnet auf eine Monatsarbeitszeit von 160 Stunden. Ein Kriminalkommissar kommt nach einem dreijährigen Studium auf der Polizeihochschule des Landes auf zirka 2.500 Euro im Monat.

© dpa, Oliver Berg Lesen Sie auch: Luftsicherheitskräfte bekommen in mehreren Bundesländern mehr Geld

Warteschlangen wegen zu wenig Personal und gravierende Sicherheitsmängel sind neben Streiks ein weiteres Ärgernis. Ist es eigentlich schwer, geeignetes Personal für die Passagier- und Gepäckkontrollen an den Flughäfen zu finden?
Waschulewski: Die Warteschlangen haben nichts mit der Eignung des Personals zu tun. Seit Jahren sind die Airlines diejenigen, die immer wieder Sparmaßnahmen im Bereich der Fluggastkontrolle fordern und daneben ihre Flugplanungen so gestalten, dass es im Tagesverlauf zu den sogenannten Spitzenzeiten kommt. Diese kann man nur dann ohne große Wartezeiten abfertigen, wenn genügend Personal vorgehalten wird. Aber das kostet Geld. Sicherheitsmängel gibt es dennoch nicht. Das Personal ist gut ausgebildet. Der demografische Wandel und auch die besonderen Anforderungen an die Tätigkeit machen es jedoch zunehmend schwieriger, Personal zu finden. Mit dem im Jahr 2013 abgeschlossenen Manteltarifvertrag, der für die Mitarbeiter an den Verkehrsflughäfen gute Arbeitsbedingungen vorsieht, wie etwa ein monatliches Regelentgelt, Weihnachts- und Urlaubsgeld, eine Shopping-Card und vieles mehr, haben wir den Grundstein gelegt, ein attraktives Arbeitsfeld anzubieten.

Lediglich zehn Prozent der Beschäftigten im Sicherheitsgewerbe arbeiten an Flughäfen, dennoch haben Sie jetzt einen speziellen Fachbereich gegründet. Sind die Anforderungen in der Aviation-Security so speziell?
Waschulewski: Ja, das sind sie. Ich habe bereits vor 15 Jahren erkannt, dass dieser Bereich besondere Aufmerksamkeit benötigt und war einer der Gründerväter des damaligen Fachausschuss Aviation im BDSW. Allerdings beschäftigt sich nur ein Teil der 900 Mitgliedsunternehmen des BDWS mit den speziellen Tätigkeiten an den Flughäfen. Daher war die logische Konsequenz diesen Teilbereich der Sicherhietswirtschaft in einem eigenen Fachverband zu organisieren. Im Rahmen dieses Fachverbandes kann man sich mit ganz besonderem Fokus den relevanten Themen der Luftsicherheit widmen. Hierzu gehören Schulungen in der Luftsicherheit aber auch der Ausbau der Kontakte zur Bundespolizei und den involvierten Behörden (BMI, BMVBS, LBA). Letztendlich wird dies, in Verbindung mit der personellen Verstärkung, langfristig einen feststellbaren Nutzen für die im Fachverband Aviation engagierten Unternehmen erzielen. 

In etlichen Ländern ist Luftsicherheit ein Thema, das der Staat nicht in private Hände gibt. Die Kosten dafür werden den Flughäfen bzw. letztlich dem Passagier oft nicht einmal voll in Rechnung gestellt. Warum ist das in Deutschland anders?
Waschulewski: Die Übertragung der Passagierkontrollen in den 90er Jahren im Wege der Beleihung auf private Sicherheitsdienste hat sich bewährt. Es kommt nicht darauf an wer die Aufgabe wahrnimmt, sondern wie dies geschieht. Die Bundespolizei hat die Fachaufsicht und kontrolliert die privaten Sicherheitsdienste. Mit ihrer umfassenden Ausbildung sind die Schwerpunkte der bundespolizeilichen Aufgaben gerade in der heutigen Zeit sicher bei anderen Aufgaben. Die Zuständigkeiten für die Luftsicherheit sind in den europäischen Ländern unterschiedlich geregelt. Ein Vergleich ist deshalb nicht möglich. Die Luftsicherheitsgebühren werden in Deutschland jährlich vom Bundesinnenministerium festgelegt und liegen bei den großen Verkehrsflughäfen für jeden kontrollierten Passagier zwischen 5,50 Euro in Düsseldorf und 9,10 Euro in Frankfurt. Daran wird deutlich, dass trotz gleicher rechtlicher Grundlagen und ähnlicher Lohnkosten auch noch andere Faktoren die Gebührenhöhe entscheidend beeinflussen.

Von: gk
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