Zug statt Flug (1)

Aus der Fläche ist schnelles Reisen oft schwierig

07.08.2019 - 07:02 0 Kommentare

Die Politik will den innerdeutschen Flugverkehr auf die Bahn verlagern. Ein Problem zeigt sich abseits der Metropolen. Aus der Provinz führen viele Reisen verlockend nah an einen Flughafen. Ein Blick auf einen Bahn-Worst-Case in Brandenburg.

Talent-2-Regionalzug von Bombardier am Bahnhof Flughafen Berlin-Sch - © © dpa - Bernd Settnik

Talent-2-Regionalzug von Bombardier am Bahnhof Flughafen Berlin-Sch © dpa /Bernd Settnik

In einer mehrteiligen Reihe legt Bahn- und Luftfahrtjournalist Andreas Sebayang die praktischen Probleme rund um die aktuelle Diskussion um eine Verlagerung von Fernverkehr auf die Schiene dar. Der erste Teil zeigt die mangelhafte Anbindung der Fläche. In weiteren Teilen geht es um den Fernbahnverkehr innerhalb Deutschlands, die Schwierigkeiten beim grenzüberschreitenden Verkehr in Europa und Dingen, die sich aus Passagiersicht bei der Bahn ändern müssten, um eine ernsthafte Konkurrenz zum Flugzeug zu werden.

Es scheint politischer Konsens zu sein: Die Bahn soll schneller werden und den innerdeutschen Luftverkehr unattraktiver machen. Wie aber kommt man eigentlich in Deutschland am besten von einer Stadt zur anderen? Für den Großstädter ist die Frage recht einfach zu beantworten: Man setzt sich ins Flugzeug oder in die Bahn.

Doch schon im Speckgürtel der Metropolen und darüber hinaus wird es oft komplex, wenn es um attraktive Verbindungen geht. Das zeigt insbesondere der Blick auf das Berlin umgebende Bundesland Brandenburg. Fernverkehr auf der Schiene existiert hier fast gar nicht und selbst der Regionalverkehr wurde über Jahrzehnte stark ausgedünnt.

Nur wenige Regionen mussten so viel Bahninfrastruktur abgeben wie Brandenburg. Dutzende Bahnhöfe wurden seit der Wiedervereinigung stillgelegt, darunter insbesondere Querverbindungen in Nachbarstädte. Parallel dazu ging der Wiederaufbau essentieller Bahnverbindungen, vor allem nach Berlin, im Zuge der Einheit nur schleppend voran.

Das hatte mehrere Effekte: Die Menschen gewöhnten sich daran, dass die Bahn irrelevant ist und kauften sich ein Auto, statt auf den Bus zu warten, der so manche Bahnanbindung ersetzte. Wer schnell weg muss, der fährt mit dem Taxi oder dem Auto zum Flughafen Tegel oder nach Schönefeld. Alternativ geht es zum Ferienflieger nach Leipzig, Dresden oder sogar nach Rostock.

Ein Umweg um die halbe Stadt

Wer exemplarisch das ehemalige Bahnkreuz Neuruppin nördlich von Berlin betrachtet, sieht das besonders deutlich. In der Region gibt es keine besonderen Anreize, den Zug statt den Flug zu nehmen: Beide Alternativen sind mit enormem Aufwand verbunden, obwohl gerade hier eine vernünftige Zuganbindung im Gegensatz zum Flug punkten könnte.

Aber die Querverbindungen innerhalb Brandenburgs existieren schon lange nicht mehr. Was bleibt ist eine Zuglinie, die von Neuruppin in Richtung Berlin fährt. Da Berlin nicht direkt angefahren werden kann - wegen teilungsbedingt noch immer nicht aufgebauter Gleise - fährt der Zug aus dem Norden aber noch fast einen Viertelkreis um Berlin herum, bevor Spandau im äußersten Westen der Hauptstadt erreicht wird.

So haben es die 30.000 Menschen rund um eine der größten Städte in Brandenburg extrem schwer, mit dem Zug zu reisen. Egal ob als Zubringer zum Flughafen oder zum Fernbahnanschluss: Es ist eine über 60-Minuten dauernde Anreise mit unattraktiven Takten.

Umso mehr sollte sich hier jedoch eine Intercity-Anbindung anbieten. Anderorts geht das auch: Städte wie Montabaur, mit etwas unter 15.000 Einwohnern oder Coburg mit rund 40.000 Einwohner haben sogar einen eigenen ICE-Bahnhof. Neuruppin aber nicht.

Da bietet sich das Auto erst recht an. Aber nicht, um damit zum Hauptbahnhof zu fahren, sondern zum Flughafen. Während der Berliner Hauptbahnhof nur 850 Stellplätze für Fahrzeuge bietet und zudem auf staugeplagten Wegen vom Norden zu erreichen ist, bietet der Flughafen Tegel alleine schon 2.500 Stellplätze. Diverse Firmen mit Shuttle-Service nicht eingerechnet.

Selbst Potsdam hat keinen vernünftigen Bahnanschluss

Schaut man auf die Bahn-Situation in anderen Städten in Brandenburg, dann sieht es kaum besser aus. Selbst Potsdam, Brandenburgs Landeshauptstadt und zugleich größte Stadt im Bundesland, ist vom Fernverkehr der Deutschen Bahn fast komplett abgeschnitten.

Im ICE-Streckennetz der Bahn wird Potsdam nicht einmal beworben. Es fährt dort allerdings auch nur ein besonders langsamer Nacht-ICE Richtung Köln ab. Einmal pro Woche kommt ein Nacht-ICE nach München hinzu. Nacht-ICE bedeutet übrigens nicht, dass es darin Schlafkabinen gibt. Es ist die ganz normale ICE-Bestuhlung.

© Airport Nürnberg, Lesen Sie auch: Innerdeutsche Verbindungen auf dem Prüfstand

Echte ICE-Bahnhöfe gibt es derweil nur in Nord-Ost-Brandenburg. Die ICE-Linie 28 bedient dort immerhin einige wenige Bahnhöfe in Barnim und in der Uckermark. Im IC-Verkehr sieht es minimal besser aus. Die IC-Linie 56 verbindet die drei größten Städte Brandenburgs, Brandenburg an der Havel, Cottbus und Potsdam einmal am Tag mit dem Westen Deutschlands. Außerdem bieten die Österreichischen Bundesbahnen in Potsdam noch einen echten Nachtzug gen Zürich an.

Der BER wird hervorragend angebunden sein

Für andere Verbindungen muss der Brandenburger ohnehin erst mal zum nächsten größeren Kreuzungspunkt anreisen, was meist Berlin ist. Gerade die bevölkerungsreichen Regionen sind dabei erstaunlich gut an den zukünftigen BER und heutigen Flughafen Schönefeld angebunden, auch wenn die Kapazitäten an sich nicht ausreichen, wie eine frühere Analyse von airliners.de zeigt.

Potsdam hat etwa eine direkte Anbindung an den Flughafen. Von Cottbus und Eberswalde aus geht es ebenfalls schnell nach Schönefeld. Für Städte wie Frankfurt an der Oder oder Brandenburg an der Havel ist der Berliner Hauptbahnhof etwas, aber nicht viel besser als der Flughafen zu erreichen.

Alles in allem lässt sich eine besondere Behandlung des Bahnverkehrs zur Vermeidung von Luftverkehr in Brandenburg nicht erkennen. Zu sehr ist das Bundesland auf den Bahnverkehr von und nach Berlin ausgerichtet. Kleinere Verbesserungen, wie etwa die geplante IC-Verbindung Rostock-Dresden über Berlin, haben den Flugverkehr ohnehin nicht als Konkurrenz.

© AirTeamImages.com, Felix Gottwald Lesen Sie auch: Auf kurze Hub-Zubringer lässt sich nur schwer verzichten Analyse

Um Passagiere in die Bahn zu locken, will die Politik den Bahn-Fernverkehr mit neuen Schnellfahrverbindungen zwischen den Metropolen deutlich attraktiver machen. Dabei vergisst sie den eigentlichen Vorteil der Bahn: Anders als ein Flugzeug kann ein Zug auf seinem Weg zwischen den Metropolen auch ab und zu anhalten. Und genau das passiert in Brandenburg trotz vieler großer Städte kaum.

Für viele Einwohner ist die Flughafenanbindung also sehr attraktiv und für viele Ziele außerhalb Berlins ist für Brandenburger ein Auto die erste Wahl. Und wer sich das erst einmal angeschafft hat, wird es auch nutzen und fährt damit dann entweder direkt bis zum Ziel oder für den Tagestrip einfach zum Flughafen.

Die veröffentlichten Teile der Serie

Von: as
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.

  • Fernbahnen in Malaga, Spanien. Diese Hürden behindern den grenzüberschreitenden Bahnverkehr

    Zug statt Flug (3) Während Luftverkehr international abgestimmt funktioniert, ist das bei der Bahn nicht der Fall. Verschiedene Regeln und Sicherungssysteme, Stromspannungen und manchmal sogar Linksverkehr erschweren den Aufbau selbst kurzer europäischer Bahnverbindungen.

    Vom 21.08.2019
  • Der ICE 4 ist nur bis 250 km/h zugelassen. Mit zu wenigen Gleisen kompliziert durch Deutschland

    Zug statt Flug (2) In der Diskussion um die Verlagerung des Flugverkehrs auf die Schiene werden innerdeutsche Flüge gerne als verzichtbar dargestellt. Doch für viele Verbindungen innerhalb Deutschlands fehlt es schlicht an adäquaten Bahnstrecken.

    Vom 15.08.2019
  • Der Kostenvergleich mit dem Flugzeug zeigt: Bahnfahren könnte problemlos viel billiger sein. Kostenvergleich ICE/A320 - Bahn produziert billiger als jede Airline

    Aviation Management Eine Zugfahrt ist pro Sitzplatz und Passagier deutlich günstiger zu produzieren, als ein Flug auf derselben Strecke. Anders als in der Luftfahrt fallen für zusätzliche Passagiere nicht einmal Mehrkosten an. Professor Christoph Brützel fragt sich, warum die Deutsche Bahn ihre leeren Plätze nicht billiger verkauft.

    Vom 17.08.2019

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus