Interview

"American Airlines braucht in Deutschland keine neuen Airline-Partner"

18.03.2019 - 07:05 0 Kommentare

American Airlines baut Deutschland aus. Im airliners.de-Interview spricht Europa-Verkaufschef Tom Lattig über die Gründe für die Rückkehr nach Berlin sowie den ehemaligen Partner Air Berlin - und warum Easyjet kein Ersatz ist.

Eine Boeing 767-300 der American Airlines. - © © AirTeamImages.com - Javier Guerrero

Eine Boeing 767-300 der American Airlines. © AirTeamImages.com /Javier Guerrero

Seit 1994 fliegt American Airlines nicht nach Berlin. 25 Jahre später feiert die US-Airline nun ihr Comeback: Ab dem 8. Juni bietet der Carrier vier wöchentliche Verbindungen nach Philadelphia. Gleichzeitig baut American Airlines auch ihr München-Engagement aus und um: Mit Beginn des Sommerflugplans startet die Airline täglich nach Charlotte - statt nach Philadelphia. Mit Dallas kommt ab dem 7. Juni noch ein zweites Ziel dazu. airliners.de hat mit Tom Lattig gesprochen. Er ist bei American Airlines Verkaufschef unter anderem für Europa.

airliners.de: Herr Lattig, Berlin hat als deutsche Hauptstadt relativ wenig Langstreckenverbindungen. Warum kommt American Airlines genau jetzt wieder nach Berlin?
Tom Lattig: Wir kommen jetzt nach Berlin, weil wir das Gefühl haben US-Kunden in Berlin viele Möglichkeiten bieten zu können. Wir denken da beispielsweise an die großartige Startup-Landschaft Berlins. Daher ist jetzt der richtige Zeitpunkt, wieder Langstrecken nach Berlin anzubieten. Wir sind auch sehr gespannt auf den Flughafen, der hier im nächsten Jahr eröffnen soll. Denn Customer Experience ist für uns ein wichtiger Teil unserer Strategie und der neue Flughafen wird uns sicherlich dabei helfen. Daher denken wir, es ist Zeit für American Airlines, wieder nach Berlin zu fliegen.

Was machen Sie dann, sollte der BER-Termin im kommenden Jahr erneut verschoben werden?
Unabhängig davon, welchen Berliner Airport wir anfliegen, sehen wir, dass der Markt da ist und deswegen kommen wir nach Berlin. Ich habe Tegel bisher nur ein paarmal als Passagier erlebt. Der Flughafen ist natürlich anders als die meisten anderen europäischen und internationalen Airports und nicht mehr auf dem neuesten Stand. Daher freuen wir uns auf den neuen Flughafen und ich bin mir sicher, dass wenn der neue Flughafen aufmacht, wir da sein werden.

Der Interviewpartner

Tom Lattig ist seit über 20 Jahren für American Airlines tätig, seit fast zwei Jahren als Managing Director EMEA Sales. Von London aus betreut er neben den deutschsprachigen Märkten auch die restlichen europäischen Länder, den Nahen Osten und Afrika.

Was planen Sie dann in Berlin für die Zukunft?
Wenn der Start in Berlin gut läuft - und ich bin fest davon überzeugt, dass es so sein wird - werden wir erst die Flugperiode verlängern, dann die Frequenzen erhöhen und im Anschluss schauen, ob wir noch andere Destinationen aufnehmen können, zum Beispiel Dallas.

Ist Berlin für Sie eher eine Incoming- oder Outgoing-Destination?
Das kann ich Ihnen noch nicht zu 100 Prozent sagen, das müssen wir abwarten. Wir gehen davon aus, dass viele US-Amerikaner nach Berlin kommen wollen, sei es um die Stadt als Tourist besser kennenzulernen, oder um hier Geschäfte zu machen. Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, dass auch viele Berliner und Deutsche in die USA wollen. Mein Job ist es, auf dem deutschen Markt so viele Tickets wie möglich zu verkaufen.

Kommen wir nochmal zurück zur Customer Experience. Warum fliegen Sie mit ihren im Schnitt 20 Jahre alten Boeing 767-300 nach Berlin und schicken den Dreamliner nach München?
Wir haben derzeit zu wenig Flugzeuge und müssen schauen, wie wir die am besten einsetzen. Ich kann Ihnen aber schon sagen, dass die Boeing 767 nicht lange nach Berlin fliegen wird. Wir wollen alle 23 Maschinen dieses Typs bis Ende 2020 ausflotten.

Sitzplatzangebot der fünf American-Airlines-Verbindungen nach Deutschland
Strecke Kapazität
FRA-DFW 54.454
FRA-CLT 52.117
MUC-CLT 52.117
MUC-DFW 32.318
TXL-PHL 13.794

Die Grafik zeigt das Sitzplatzangebot der fünf American-Airlines-Verbindungen im Sommerflugplan (31.03. bis 27.10) nach Deutschland. DFW = Dallas, CLT = Charlotte, PHL = Philadelphia. DFW = Dallas, CLT = Charlotte, PHL = Philadelphia.Quelle: ch-Aviation; Darstellung: airliners.de

Welche Maschine kommt dann nach Berlin?
Das kann ich Ihnen leider derzeit noch nicht sagen. Das hängt von vielen Faktoren ab.

Wenn wir schon beim Thema Flottenerneuerung sind. Ist es für American Airlines eine Option, mit Narrowbody-Jets wie dem Airbus A321 Neo Transatlantikflüge anzubieten?
Wir verfolgen jede Option, die es ermöglicht, neue Luftfahrtmärkte zu erschließen. Das ist schließlich unsere Aufgabe. Mir sind keine Pläne für die nahe Zukunft bekannt, Narrow-Bodies auf die Langstrecke zu schicken. Im Übrigen würde das auch unserem Frachtgeschäft schaden. Fracht ist ein wichtiges Segment, um die Profitabilität unserer Flüge zu steigern.

American Airlines ist Mitglied der One World Allianz, zu der auch Air Berlin gehörte. Sie haben die Partnerschaft mit Air Berlin aber schon vor der Pleite der Airline beendet. Warum?
Warum? Tja, weil Sie ihr Geschäftsmodell mehrfach verändert haben um einen Weg zu finden, profitabel fliegen zu können. Das hat dann nicht mehr mit unseren Vorstellungen zusammengepasst.

© AirTeamImages.com, Paul Paulsen Lesen Sie auch: Nach American Airlines: Air Berlin stockt ihre Langstreckenflotte auf

Ohne Air Berlin fehlt Ihnen in Berlin jetzt aber ein Netzwerkpartner. Heute ist Easyjet die wichtigste Airline in Berlin. Können Sie sich vorstellen, dem Easyjet Worldwide-Programm beizutreten?
Nein, das ist keine Perspektive für uns. Wir haben mit British Airways einen Partner, der zwar nicht in Berlin ist, aber mit dem wir eng zusammenarbeiten. Gemeinsam haben wir ein gutes Netzwerk in den USA und Europa. Gleiches gilt übrigens für Iberia und Finnair. Wir stehen auch mit der irischen Luftfahrtbehörde in Kontakt und werden wahrscheinlich noch in diesem Jahr noch mehr Verbindungen nach Dublin aufnehmen.
Was Deutschland angeht, arbeiten wir auch mit der Deutschen Bahn zusammen. Gemeinsam suchen und entwickeln wir verschiedene Möglichkeiten. Was Airlines in Deutschland angeht, sehe ich derzeit keine neuen Partner, die für uns in Frage kommen. Außerdem glaube ich, dass wir mit unseren drei deutschen Zielen Frankfurt, München und Berlin erstmal gut aufgestellt sind.

Können Sie sich vorstellen, noch weitere Destinationen in Deutschland aufzunehmen? Eine Option wäre Hamburg. Die Stadt hat im letzten Jahr ihre einzige US-Verbindung verloren.
Wir schauen uns natürlich den Markt ganz genau an und Sie haben Recht: Es gibt einige mittelgroße Städte in Deutschland, die interessant für uns sind. Genaueres kann ich derzeit noch nicht sagen. Was ich Ihnen allerdings sagen kann, ist dass wir derzeit nicht ausreichend Flugzeuge haben um all unsere Wünsche abzudecken. Wir müssen daher sehen, welche Flugzeuge wir auf welchen Strecken einsetzen. Aber jetzt freuen wir uns erstmal auf den Start in Berlin.

Sie nannten Ihren Europa-Partner British Airways. Steht Ihr Ausbau in Deutschland eigentlich in irgendeinem Zusammenhang mit dem drohenden Brexit?
Nein, ich würde nicht sagen, dass der Start unseres Berlin-Engagements und der Ausbau in München in Zusammenhang mit dem Brexit stehen. Wir glauben, dass der Brexit vorrangig einen Einfluss auf die Wirtschaft haben wird. Diese wird langsamer wachsen und damit wird auch der Luftverkehr langsamer wachsen. Wir werden aber weiter nach Großbritannien fliegen und auch weiter den europäischen Markt bedienen. Für uns ist wichtig, dass der Kunde ein gutes Reiseerlebnis in unserem Netzwerk bekommt. Das soll durch den Brexit nicht gefährdet werden.

Zum Abschluss eine Frage zur europäischen Konsolidierung. Was denken Sie als US-amerikanischer Airline-Manager, welche europäischen Airlines überleben werden?
Wir haben in den USA diese Konsolidierungswelle bereits hinter uns. Die Branche ist dadurch gesundet. US-Fluggesellschaften machen trotz des immer härter werdenden Wettbewerbs Gewinne. Das ermöglicht uns, in neue Technologie und Fluggeräte zu investieren, was wiederum unsere Kunden glücklicher macht. Wir sehen auf der anderen Seite des Atlantiks, dass die europäische Wirtschaft nicht wächst, die Kerosinpreise weiter hoch sind und die Flugpreise fallen. Das wird zwangsläufig zu weiteren Airline-Pleiten führen, was ja an sich gut für uns ist.

Herr Lattig, vielen Dank für das Gespräch.

Von: br
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