Gedankenflug

Alternative Fakten verzweifelt gesucht

24.03.2017 - 18:31 0 Kommentare

Der Vater von Germanwings-Copilot Andreas Lubitz hat zu einer Pressekonferenz geladen. Aber was kommt heraus, wenn persönliche Verzweiflung auf Sensationseifer trifft, fragt airliners.de-Herausgeber David Haße.

Lubitz, Vater des Germanwings-Co-Piloten des in den Alpen abgestürzten Flugzeugs, nimmt am 24.03.2017 in Berlin an einer Pressekonferenz teil.  - © © dpa - Kay Nietfeld

Lubitz, Vater des Germanwings-Co-Piloten des in den Alpen abgestürzten Flugzeugs, nimmt am 24.03.2017 in Berlin an einer Pressekonferenz teil. © dpa /Kay Nietfeld

Am Freitag sind zwei Männer in Berlin vor die Presse getreten. Günter Lubitz, der Vater von Germanwings-4U9525-Copilot Andreas Lubitz und Tim van Beveren. Der Dokumentarfilmer und Buchautor ("Das Risiko fliegt mit") sei beauftragt worden ein Gutachten zu erstellen, weil der Familie selbst weder die "Kraft" noch das "Wissen" dazu habe, hatte Lubitz schon in seiner Einladung zur Pressekonferenz angekündigt.

Was aber war von einem Gutachten zu erwarten, das ganz offen auf der Annahme fußt, Aspekte rund um den Absturz vor zwei Jahren seien "vernachlässigt" und wichtige Fragen dazu "nicht beantwortet" worden? Heute wissen wir: Nicht viel. Am Ende einer elend langen Präsentation gab es weder eine neue Absturztheorie noch wirkliche Erkenntnisse. Das Gutachten wurde auch nicht veröffentlicht.

© dpa, Michael Kappeler Lesen Sie auch: Germanwings-Absturz: Flugunfallermittler haben weiterhin keine Zweifel

Stattdessen: Anschuldigungen gegen die Staatsanwaltschaft, einige Ordner und Beweisstücke seien falsch beschriftet. Auch die Flugunfallermittler sollen nicht sauber gearbeitet haben, unter anderem weil es ja auch Turbulenzen gibt aber die Aufzeichnung dazu fehle. Zudem sei die Betriebsgenehmigung des Flugzeugs nur handschriftlich verlängert worden. Piloten hätten sich in dem Flugzeug zuvor schon einmal selbst eingeschlossen und ein Ausschnitt der Flugdatenschreiber-Auswertung soll eine Diskrepanz zwischen verschiedenen Flugmodi beweisen. Nachfrage: Hat das jemand bestätigt? Antwort: Nein, das zu erfragen - nicht die Aufgabe eines Gutachters.

Was bleibt ist der allgemeine Vorwurf: Alle hätten sich von Anfang an auf die kurz nach dem Absturz öffentlich präsentierte Suizid-Theorie des französischen Staatsanwalts verlassen und niemand habe andere Absturzursachen überhaupt nur erwogen. Dabei sei angemerkt, dass die Staatsanwaltschaft in Frankreich bis heute ermittelt. Und ein Staatsanwalt muss ermitteln, sobald es einen Anhaltspunkt gibt. Den gab es bereits am Tag Zwei nach dem Absturz - und zwar offenbar sehr konkret.

Selten ist eine Beweiskette so eindeutig

Und so bleibt es dabei: Die detailliert dargelegten Flugunfalluntersuchungen der Flugunfallbehörden zeigen ohne jeden Zweifel, dass der Copilot allein im Cockpit saß und bis zum Aufschlag mehrfach den Autopiloten bedient hat. Bewusstlose Piloten können das nicht. Das Flugzeug wurde also kontrolliert und voll funktionstüchtig vom Copiloten in den Berg gesteuert, während draußen gegen die verschlossene Tür gehämmert wurde. Alternative Auslegungen dazu gibt es einfach nicht.

Dabei ist im Endeffekt sogar vollkommen egal, ob die Tür vielleicht kaputt, die Zulassung des Flugzeugs aktuell, der Pilot depressiv oder sonst wie krankgeschrieben war und was am Tag zuvor irgendwo gegoogelt wurde. Selbst ohne all diese Indizien, die die Yellow-Press so liebt, ist der Ablauf im Cockpit technisch bewiesen. Punkt.

Nach dem Abschlussbericht der Flugunfallermittler und der Einstellung der Ermittlungen durch die deutsche Staatsanwaltschaft wäre für alle Beteiligten nun eigentlich die Zeit gekommen, endlich langsam zur Ruhe zu kommen.

Wer nun dennoch weiter Zweifel sät, wird nichts als Verzweiflung ernten. Denn was folgt, liegt auf der Hand: Neuer Medienrummel und Sensationseifer sowie neues Misstrauen und Skepsis gegen wen auch immer und zwar für immer und ewig. Und das ist wirklich traurig für alle Angehörigen, einschließlich der Familie Lubitz.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann ist beruflich seit rund 15 Jahren in der Onlinebranche zu Hause. 2007 machte er sich mit dem zuvor als Projekt gestarteten airliners.de selbständig. Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh
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