Als Testpassagier kostenlos um die Welt

18.01.2016 - 10:55 0 Kommentare

Billigflug auf der Langstrecke ist eine feine Sache, sagt airliners.de-Chefredakteur David Haße. Mit etwas Glück gibt es sogar das Geld zurück und einen Gutschein. Dabei hatte Eurowings ein Quäntchen Glück eigentlich für sich selbst eingeplant.

Passagiere am Airport Köln/Bonn machen sich auf den Weg zu ihrem Eurowings-Flug. - © © dpa - Oliver Berg

Passagiere am Airport Köln/Bonn machen sich auf den Weg zu ihrem Eurowings-Flug. © dpa /Oliver Berg

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Der Traum aller Lowcost-Jünger ist wahr geworden: Mit etwas Glück können Passagiere derzeit kostenlos um die Welt jetten und dabei sogar noch verdienen – Eurowings macht es möglich. Der Lohn für die Testpassagiere auf der Billigflug-Langstrecke: Ein 250-Euro-Fluggutschein und 600 Euro EU-Entschädigung. Ein Hoch auf Eurowings!

Aber Spaß beiseite. Das Thema ist mittlerweile nicht mehr zum Lachen, auch nicht bei der Lufthansa. Sie hat es mit der Verspätungsmisere zuletzt sogar auf die Handelsblatt-Titelseite geschafft. Die Folge war ein Kursverlust an der Börse.

Ich glaube, entweder ist Eurowings vom Verspätungs-Pech verfolgt oder es gibt ein strukturelles Problem. Mein Tipp: Zu wenige Flugzeuge, zu viele Flüge und Flughäfen weit weg vom Schuss sind in Kombination mit etwas Pech eine Garantie für Probleme, die sich auf den gesamten Flugplan auswirken.

Konnte Lufthansa das wirklich nicht wissen? In großen Konzernen nimmt man allerdings selten Rücksicht auf die echte Welt. Zu blöd, dass sich die Umstände auf karibischen Inseln nicht immer an Planvorgaben aus Deutschland halten. Nicht bei technischen Problemen und nicht bei kranken Crews. Und bei den Passagieren schon gar nicht.

Von Airlines, die solche Flughäfen bedienen, hört man darum auch alle Jubeljahre von Horrorverspätungen. Außer den Leserreportern bei der Bild-Zeitung nimmt das aber niemand wirklich ernst, weil es einfach so ist: Fällt hier ein Flugzeug aus, kann man nicht einfach auf Partnerairlines umbuchen, während ein Lastwagen kurz ein Ersatzteil aus dem Hauptlager holt.

© dpa, Arne Dedert Lesen Sie auch: Eurowings will Verspätungsprobleme schnell in den Griff kriegen

Jetzt aber steht Eurowings nicht nur im Handelsblatt auf der ersten Seite und hat zurecht Erklärungsnot. Denn die Berichte über Eurowings-Verspätungen haben sich zur Regelmäßigkeit gemausert wie bei keiner Airline zuvor. Ein Drittel aller Flüge verspätet… zehn Stunden, 23 Stunden, 68… Schluss, vorbei? War’s das mit dem Experiment Eurowings-Langstrecke?

Ich glaube nicht. Lufthansa wird das in den Griff bekommen. Das Gegensteuern hat sogar schon begonnen: Die ersten Routen werden aus dem Eurowings-Langstreckenflugplan gestrichen und die groß angekündigte Boston-Rotation wird wohl gar nicht erst aufgenommen. Ein "Early-Life-Support"-Programm läuft und soll die Gründe für die Verspätungen finden.

© dpa, Oliver Berg Lesen Sie auch: So will Eurowings auf der Lowcost-Langstrecke bestehen

Vor einigen Wochen war ich in der Eurowings-Operations-Zentrale in Köln. Leider konnte ich zur Langstrecken-OPS mit niemandem reden. Die liegt nämlich outgesourct bei Sunexpress. Als Komplettdienstleister stellt Sunexpress Cockpit- und Kabinenbesatzung, organisiert die Wartung und den Flugbetrieb. Liegt hier vielleicht das strukturelle Problem? Meckert die Nation am Ende gar über die Falschen?

Nein tut sie nicht! Eurowings ist verantwortlich, denn sie hat gibt den Plan vor, wo und wie es zu laufen hat. Und ganz ehrlich: Ich kann mir kaum vorstellen, dass wirklich niemand bei der Lufthansa-Tochter wusste, wie ambitioniert die Einsatzpläne waren und wie anders Langstrecken-Operations schnell mal sein können. War der Plan am Ende gar "Augen zu und durch"?

Ein solcher Plan funktioniert freilich nur mit einem Quäntchen Glück. Und genau wie die Umstände an den Touri-Flughäfen der Welt kann man Glück selbst bei der Lufthansa nicht planen. Wie glücklich derweil die unfreiwilligen Testpassagiere über ihren 250-Euro-Fluggutschein sein werden, ist durchaus vorhersehbar: Sie werden ihn wohl lieber verfallen lassen.

© dpa, Oliver Berg Lesen Sie auch: Eurowings kämpft gegen Verspätungen bei Langstreckenverbindungen

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann ist beruflich seit rund 15 Jahren in der Onlinebranche zu Hause. 2007 wagte er mit dem zuvor als Projekt gestarteten airliners.de den Schritt in die Selbständigkeit. Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh

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