Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.
Letzte Woche war ich in Warschau. Den neuen Dreamliner von LOT testen und dann ein Gespräch in der Hauptverwaltung der polnischen Airline führen. Bei LOT war ich schon mal vor Jahren. Damals staunte ich über den modernen Komplex aus Glas und Beton, den sich die Polen nach der Wende für die Büros ihrer nationalen Airline gebaut hatten. Das ist jetzt rund zwei Jahrzehnte her, und heute ist man darüber gar nicht mehr so glücklich.
„Wir nennen das hier Alcatraz, wegen des vielen Betons“, vertraute uns eine Mitarbeiterin an. Das LOT-Hauptquartier ist aber typisch für die protzige Bauweise solcher Airline-Zentralen, die dem Besucher und Betrachter sagen wollen: Seht her, soweit haben wir es gebracht, wir sind wichtig und bedeutend. Wenn man die heute noch armseligen Verschläge rundherum betrachtet, dann ist LOT in ihrer direkten Nachbarschaft in Warschau auf jeden Fall eine ganz große Nummer, wenn auch derzeit nicht als Airline.
Ich besuche seit vielen Jahren weltweit Fluggesellschaften, und es ist sehr interessant zu vergleichen, wie unterschiedlich die Firmensitze aussehen. Oft fällt dabei gerade heutzutage die Finanzknappheit der Branche auf oder die bewusste Demonstration von "No Frills" auch beim Bauen: Wegweisend war da die leider bankrotte ungarische Malév – ihre Hauptverwaltung mußte man in einem Budapester Gewerbepark suchen, unauffällig über einem Supermarkt in einem schmucklosen Zweckbau. Diese Frugalität hat der Firma am Ende auch nichts genützt.
Nicht überraschen tut natürlich der kahle Zweckbau von Ryanair am Dubliner Flughafen, wo sogar Michael O’Leary vor Jahren bei meinem Besuch nicht einmal über ein richtiges Büro verfügte. Gegenüber steht der Kasten von Aer Lingus – so hässlich, dass sich die Airline schämt und ein riesiges Werbeposter vom Dach aus vor die Fenster gehängt hat. Noch knalliger ist easyJet am Flughafen London-Luton mit einem Wellblech-Komplex, der als „easyland“ in Knallorange gestrichen ist. Das hat Germanwings gleich in ihrer Anfangszeit schon am Köln/Bonner Flughafen kopiert, wo die Billiglinie schon vor Jahren in einem aus Containern gebauten Komplex residierte.
Aber natürlich geht es auch ganz anders. Wenn ich für einen James Bond-Film das Büro eines mächtigen Airline-Bosses inszenieren müsste – es würde genauso aussehen wie Tim Clarks Zimmerflucht am Flughafen Dubai. Wobei ich genau weiß, wie Emirates und ihr Chef früher gehaust haben – klein, dunkel und zusammengepfercht in einem engen Komplex an einem stets verstopften Kreisverkehr in Dubai.
Doch das heutige Emirates-Hauptquartier drückt genau die Rolle aus, die Emirates weltweit inzwischen spielt: Markig, offen und sehr selbstbewusst erscheint die Architektur. Und das Chefbüro ist beinahe einschüchternd groß, riesige Fensterfronten mit Blick auf endlose Terminals und viele Flugzeuge in den Firmenfarben. Sitzecke, Schreibtisch, Konferenztisch, Segelschiffmodell, Globus, Weltkarte – fehlt nur noch die aus der Wand ausfahrbare geheime Steuerungszentrale, die es bei 007 und seinen Dienstherren sicher geben würde.
Bei aller Pracht wird hier am falschen Ende gespart – den beiden Sekretärinnen vor der Tür haben die Architekten nicht einmal einen Schimmer Tageslicht gegönnt. Auch das wieder irgendwie typisch für die „Wertschätzung“, die die Zuarbeitern der Mächtigen in Dubai genießen.
Sehr kurios fand ich neulich das Chefbüro von Ukraine International Airlines in Kiew: Die Gesellschaft residiert in einem gesichtslosen, kantig-modernen Komplex am Rand der Stadt, wo die zehnspurige Straße zum Flughafen beginnt. Im obersten Stock residiert der CEO – in einem grotesk auf Oligarchen-Schick und Jagdhütte getrimmten Ambiente mit Wänden aus groben schwarzen Ziegeln, protziger Kaminecke und dickem Ledersofa. Da gefällt mir wesentlich besser das Ambiente, in dem bisher Air New Zealand-CEO Rob Fyfe in Auckland saß.
Auch die Kiwi-Airline hat sich vor ein paar Jahren ein schickes neues Hauptquartier in der City gegönnt, mit traumhaftem Blick auf den Hafen. Eigene Büros hat dort niemand, auch der CEO nicht, nur eine Schreibtisch-Ecke hinter Stellwänden. Dafür einen riesigen Balkon mit großem Grill, der jeden Freitag nachmittag vom Chef angeworfen wird für die Mitarbeiter. Und für infantile Spielchen sind sich die Kiwis auch nicht zu fein – gleich neben der Chef-Ecke stand bei meinem Besuch ein Zelt aufgebaut mit allerlei Camping-Utensilien, aus einer internen Promotion.
Mit einer solchen Freigeistigkeit entsteht dann wie im Fall von Air New Zealand manchmal auch eine richtig gute Airline. Aber die gedeiht eben am besten in einem entsprechenden Bauwerk – und vermutlich nicht hinter den Mauern eines „Alcatraz“.
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