Airport-Chef Wehr: "Friedrichshafen spielt bei VLM eine entscheidende Rolle"

01.06.2016 - 08:15 0 Kommentare

Seit einem Jahr ist Claus-Dieter Wehr Geschäftsführer am Bodensee-Airport. Im airliners.de-Interview spricht er unter anderem über das Millionen-Darlehen der Gesellschafter, die Entwicklung am Airport und die finanziellen Probleme der VLM.

Claus-Dieter Wehr, Geschäftsführer der Flughafen Friedrichshafen GmbH  - © © Flughafen Friedrichshafen GmbH -

Claus-Dieter Wehr, Geschäftsführer der Flughafen Friedrichshafen GmbH © Flughafen Friedrichshafen GmbH

Neben Stuttgart und Karlsruhe hat Baden-Württemberg noch einen dritten Verkehrsflughafen: den Bodensee-Airport in Friedrichshafen. Dort ist Claus-Dieter Wehr seit genau einem Jahr Geschäftsführer.

airliners.de: Herr Wehr, Sie waren Sie ja auch schon bei einer Airline Geschäftsführer, nämlich bei Condor. Wie unterscheidet sich die Arbeit von Ihrer jetzigen Tätigkeit in Friedrichshafen?
Claus-Dieter Wehr: Zunächst einmal darf man festhalten, dass sowohl Flughäfen als auch Airlines zahlreiche anspruchsvolle Aufgaben für einen Geschäftsführer bereithalten. Gerade im heutigen Umfeld, das durch einen intensiven Wettbewerb und teilweise schwierige politische Rahmenbedingungen geprägt ist. Ein Flughafen bietet aus meiner Sicht ein noch breiteres Arbeitsumfeld als es bereits bei einer Airline der Fall ist.
Die Spanne reicht von Umweltthemen über Security und Safety, die Feuerwehr und Marketing bis hin zu Vermietungs- und Infrastrukturthemen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Gerade bei einem Regionalflughafen mit begrenzten Ressourcen ist dies eine spannende Aufgabe. Dabei ist es natürlich ein großer Vorteil, wenn man aus eigener Erfahrung die Anforderungen und spezifischen Probleme kennt, die sich einer Airline im Markt stellen.

Der Bodensee-Airport hat im vergangenen Jahr einen Verlust von 1,6 Millionen Euro eingefahren - auch aufgrund der Intersky-Pleite. Wann klappt es mit den schwarzen Zahlen?
Wehr: Aufgrund der hohen Wirtschaftskraft in der Bodensee-Region mit ihren vielen weltweit agierenden Firmen konnten wir mit der VLM für die innerdeutschen Strecken nach Berlin, Düsseldorf und Hamburg sehr kurzfristig eine Lösung bieten. Das ist eine gute Grundlage für die weitere Entwicklung, in der es nun gilt, dieses Angebot zu stabilisieren und sukzessive weiter auszubauen.
Aufgrund unserer extrem schlanken Organisation mit sehr motivierten und engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie einem Maßnahmenbündel zu weiteren Ertragssteigerungen und Kostenverbesserungen bin ich zuversichtlich, dass wir im Laufe unserer Planungsperiode, die bis 2020 reicht, das Ziel der schwarzen Zahlen erreichen können.

Der Flughafen Friedrichshafen

Claus-Dieter Wehr ist seit Juni 2015 der Chef des Flughafens in Friedrichshafen. Die Insolvenz der Intersky hat den Airport in finanzielle Schwierigkeiten gebracht, durch das Grounding der Airline fielen 20 Prozent der Passagiere weg. Die beiden größten Airport-Gesellschafter sind mit je knapp 40 Prozent die Stadt Friedrichshafen und der Landkreis Bodensee. Baden-Württemberg ist mit rund sechs Prozent beteiligt.

Diese Luftaufnahme von 2012 zeigt den Bodensee-Airport. Foto: © FDH

Die Gesellschafter leihen dem Airport 3,5 Millionen Euro. Sie haben das als "Bekenntnis der Politik und der Region zum Flughafen" bezeichnet. Warum braucht der Bodensee-Airport das Geld? Und für was wird es eingesetzt?
Wehr: Das Darlehen der Gesellschafter wurde zu einem Zeitpunkt beantragt, in der eine Nachfolge der Intersky nicht absehbar und damit auch nicht in unserer Planung enthalten sein konnte. Die Darlehen werden genutzt, um notwendige Investitionen in unsere flugbetriebliche Infrastruktur zu finanzieren und dienen auch zur Tilgung bestehender, älterer Bankdarlehen.

VLM hat die Lücke gefüllt, die die Intersky hinterlassen hat. Wie läuft es aus Ihrer Sicht? Zuletzt gab es ja Wirbel aufgrund eines Gläubigerschutzverfahrens.
Wehr: Mit der Entwicklung der Strecken sind sowohl wir als auch die VLM sehr zufrieden. Das Angebot wird sowohl von der hiesigen Wirtschaft als auch den Privatreisenden gut angenommen. Die Auslastung der Flugzeuge liegt im Schnitt bei deutlich über 55 Prozent, und das bei steigender Tendenz. Als VLM das Gläubigerschutzverfahren beantragt hat, um seinen Restrukturierungsprozess abzusichern, gab es etwas Verunsicherung im Markt.
Nachdem die VLM unter anderem mit dem Eigentumsbesitz von sechs Flugzeugen über eine grundsätzlich solide finanzielle Substanz verfügt, sind wir sehr zuversichtlich, dass VLM gestärkt aus dieser Phase kommt. Wir spielen als Bodensee-Airport im Zukunftskonzept der VLM eine entscheidende Rolle. Deshalb sind wir im intensiven Austausch mit VLM, um zu prüfen, mit welchen zusätzlichen Verbindungen das Angebot erweitert werden könnte.

Angebotene Kapazitäten am Bodensee-Airport
Sitzplatzkapazitäten in Prozent
Germania 31
Lufthansa 22
VLM 19
Turkish Airlines 10
Air Berlin 9
Sunexpress 5
Wizz Air 4

Die Grafik zeigt die von den Airlines angebotenen Sitzplatzkapazitäten am Bodensee-Airport, und zwar vom 1. Juni bis zum 30. Oktober (Ende des Sommerflugplans). Stand: 1. Juni 2016, Quelle:ch-aviation.com

Im vergangenen Jahr sind die Passagierzahlen um rund sechs Prozent auf rund 560.000 gesunken. Mit wie vielen Fluggästen rechnen Sie in diesem Jahr?
Wehr: Im vergangenen Jahr fehlten uns nicht nur zwei Monate Intersky-Flugbetrieb, sondern auch noch die Passagiere von der Germanwings-Verbindung nach Köln/Bonn, die im Juni eingestellt wurde. In 2016 rechnen wir mit einem Zuwachs der Passagiere auf knapp 590.000 Passagiere. Treiber ist hier die Germania mit einem deutlichen Zuwachs im Touristikverkehr, aber auch Lufthansa, Turkish Airlines und Wizz Air legen zu. Im Skicharter-Incoming-Programm konnten wir diesen Winter bereits eine Steigerung gegenüber Vorjahr verzeichnen, hier haben wir mit British Airways, Easyjet oder Monarch namhafte Linien-Carrier an den Bodensee-Airport gewinnen können.

Aus den Landtagswahlen in Baden-Württemberg ist eine grün-schwarze Landesregierung hervorgegangen. In ihrem Koalitionsvertrag bekennen sich Grüne und CDU auch zu den Regionalflughäfen. Was erhoffen Sie sich von der neuen Regierung für Ihren Airport?
Wehr: Es ist für uns eine erfreuliche Entwicklung, dass die neue Landesregierung die Bedeutung der Regionalflughäfen im Land anerkennt. Dies gilt insbesondere hier in der Bodensee-Region, die ansonsten eine keine wirklich optimale Verkehrsinfrastruktur hat. Der Bodensee-Airport mit seiner Anbindung an die zwei Drehkreuze Frankfurt und Istanbul und den innerdeutschen Verbindungen ist hier von besonderer Bedeutung.
Regionalflughäfen sind im Vergleich zu anderen Flughäfen mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. So müssen wir beispielsweise die Kosten für die hoheitlichen Aufgaben der Flugsicherung komplett selber tragen. Hinzu kommen die Auflagen für die Easa-Zertifizierung, die 2017 fällig ist. Außerdem sind bei allen Hoffnungen an die Politik auch die geltenden EU-Beihilferichtlinien zu beachten. Was hier machbar sein könnte, muss in entsprechenden Gesprächen erörtert und geprüft werden.

© dpa, Benny Ulmer Lesen Sie auch: Das sind die Pläne für den baden-württembergischen Luftverkehr

Welchen Herausforderungen sieht sich der Bodensee-Airport in der nächsten Zeit gegenüber? Und wie sollen diese gemeistert werden?
Wehr: Der Luftverkehr ist und bleibt ein volatiles Geschäft, speziell auch im Bereich des Regionalflugverkehrs. Wir müssen uns also bestmöglich darauf einstellen, dass wir die damit verbundenen Schwankungen abfangen können. Das hat allerdings Grenzen. Um eine gewisse Kernstabilität zu erhalten, ist für uns ein enger Verbund zwischen den Fluggesellschaften und der Wirtschaft der Bodensee-Region sehr wichtig - den fördern wir systematisch.

Von: ch
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »