Gedankenflug

Warum Sie Airline-Safety-Rankings vergessen können

04.01.2017 - 14:09 0 Kommentare

Top-Listen zur Sicherheit von Fluggesellschaften sind Blödsinn. Der Tipp von airliners.de-Herausgeber David Haße lautet daher: Einfach ignorieren - die Aussagen sind ohnehin nicht relevant für Ihren nächsten Flug.

Wrackteile des über der Sinai-Halbinsel abgestürzten Airbus A321 der russischen Kolavia. - © © dpa - EPA/Maxim Grigoriev/ Russian Emergency Ministry

Wrackteile des über der Sinai-Halbinsel abgestürzten Airbus A321 der russischen Kolavia. © dpa /EPA/Maxim Grigoriev/ Russian Emergency Ministry

Das Internet ist voll davon: Top-Listen. Die Top 50 der besten Filme aller Zeiten, die zehn beliebtesten Katzenrassen, die am weihnachtlichsten dekorierten Brüste. Und mindestens einmal pro Jahr gibt es überall die Top-Listen der sichersten Fluggesellschaften.

Ich denke Sie sehen, worauf ich hinaus will. Airline-Safety-Rankings sind vor allem eins - sie sind Quatsch mit Soße. Leider hört aber beim Ranking von Fluggesellschaften auf Basis einer vorgeblich errechneten Sicherheitsstatistik der Spaß am Listen-Lesen auf. Man sollte solche Rankings ignorieren und ich sage Ihnen auch, warum:

Zunächst einmal muss jedem klar sein, warum Medien besonders auf Airline-Rankings abfahren: Tod, Sensation und Katastrophen stehen nun mal hoch in der Gunst der Leser. Wer die Top-10 der sichersten Airlines anschaut, betrachtet unweigerlich auch das Ende der Liste. Da stehen dann im einfachen Rückschluss die unsichersten Fluggesellschaften der Welt.

Auch wenn es vielleicht nicht die Intention der Macher ist, wird spätestens damit ein komplett falsches Signal ausgesandt. Denn die Leute richten sich danach - frei nach dem Motto: Gute Platzierung = sicherer Flug. Das ist aber falsch. Diese Sicherheit geben die Daten gar nicht her.

Statistischer Blödsinn

Alle Airline-Rankings blicken in die Vergangenheit. Zum Teil bis zurück in die Zeiten, zu denen Opa als Flugkapitän seine Lockheed Tristar über den Atlantik geflogen ist. Daraus auf die Zukunft zu schließen ist schlicht unmöglich. Das hat nicht mal etwas mit Opa oder dem Tristar zu tun sondern einfach mit Mathematik:

Die Anzahl von Flugunfällen ist historisch gesehen einfach viel zu gering, um daraus eine halbwegs sichere statistische Unfallwahrscheinlichkeit im neuen Jahr ableiten zu können. Nicht für die Branche insgesamt, geschweige denn für eine einzelne Airline. Es müsste schon tausende oder "besser" hunderttausende Unfälle jedes Jahr geben, um die Wahrscheinlichkeit für einen Unfall zumindest halbwegs seriös angeben zu können.

Aber diese Häufung an Unfällen gibt es nicht. Im Gegenteil, denn die Branche arbeitet hart daran – mit Erfolg. Und so kommt es, wie es kommen muss: Ein einziger Absturz reicht - und eine Airline stürzt auch in den Listen ab. Egal ob der Zufall zugeschlagen, der Fluglotse geschlafen oder der Terrorist die Security bestochen hat.

Pech gehabt

Die Wahrscheinlichkeit für Flugpassagiere, bei einem Unfall ums Leben zu kommen, lag im vergangenen Jahr bei 1 zu 12,8 Millionen. Das hört sich gar nicht mal so sicher an, ist aber fast genauso hoch wie Ihre Chance auf einen Sechser im Lotto.

Wer als Fluggast stirbt, hatte also schlicht und einfach unglaubliches Pech. Diese aus Passagiersicht fatalistische Einstellung gilt dabei für so gut wie jeden Absturz: Meist sind es Folgen schier unglaublicher Einzelfälle oder Verkettungen unglücklichster Zufälle.

© dpa, Boris Roessler Lesen Sie auch: BDL: Tödliche Flugzeugunglücke werden weniger wahrscheinlich

Denken Sie nur an Malaysia Airlines. Sie war zuletzt die Top-5 auf der Liste, allerdings von unten. Ein vernichtender Befund. Zwei komplett bizzare Vorfälle vorher befand sie sich noch im guten Mittelfeld. Meine Kurz-Analyse zum Absturz der Airline in den Sicherheitsrankings: "Shit happens, leider."

Gibt es systematische Fehler bei bestimmten Airlines? Vielleicht bei LaMia, die in Kolumbien eine Fußballmannschaft auf dem Gewissen hat. Die steht aber auch auf keiner der Ranking-Listen. Da stehen nur die Großen. Von denen aber kann sich keine einzige leisten, vorsätzlich an der Sicherheit zu sparen.

Rankings ohne wirkliche Aussagen

Man könnte jetzt noch darüber schwadronieren, ob es wirklich eine Ranking-Abwertung geben sollte, wenn eine Airline kein IATA-Mitglied ist. Fahren Sie unsicher, weil Sie kein ADAC-Mitglied sind? Southwest, Easyjet, Ryanair… Ist ein Billigflieger unsicher, nur weil er bestimmte Mitgliedschaften und IOSA-Audits für sein Geschäftsmodell schlichtweg nicht braucht? Aber lassen wir das.

Interessanterweise distanzieren sich ja sogar die Listen-Ersteller von ihren eigenen Rankings. So gibt das deutsche "Flugunfallbüro Jacdec" in den Erläuterungen selbst zu: "The Index has its limitations and restrictions in terms of its meaningfulnes". Das australische Pendant "Airline Ratings" drückt sich so aus: "The ratings do not take into consideration every safety parameter" und nennt dann so gut wie alle üblichen Unfallursachen als nicht vorhersehbar.

Beim Konkurrenten ATRA muss man sogar einen Disclaimer bestätigen, bevor man die Rankings ansehen darf: "Air Transport Rating Agency makes no guarantees […] regarding the quality [...] and the validity of information found on this website." Nein Danke! Wenn das so ist sollten die Betreiber vielleicht doch lieber Listen mit nett dekorierten Körperteilen, hübsch anzusehenden Langhaarkatzen oder spannenden Mafiafilmen pflegen.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann ist beruflich seit rund 15 Jahren in der Onlinebranche zu Hause. 2007 machte er sich mit dem zuvor als Projekt gestarteten airliners.de selbständig. Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh
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