Airline-Pleite entfacht Charter-Debatte

20.09.2018 - 08:10 0 Kommentare

Die Insolvenz der deutschen Small Planet hat eine Diskussion über die Zukunft des touristischen Flugmarkts ausgelöst. Ein Segment, das laut eines Experten ohnehin sehr volatil ist und sich nach Niki gerade neuordnet.

Der Kampf um die Strandurlauber ist eröffnet. - © Montage © airliners.de - AirTeamImages.com, Daniela H. / Fotolia

Der Kampf um die Strandurlauber ist eröffnet. Montage © airliners.de /AirTeamImages.com, Daniela H. / Fotolia

Die Pleite der deutschen Touristik- und Charterairline Small Planet hat eine rege Debatte um die Zukunft des Reisesegments entfacht. Aviation-Management-Professor Christoph Brützel sieht den Fall Small Planet als weiteren Beleg dafür, dass Start-Ups in diesem Segment kaum eine Chance haben.

"Lauda Motion wäre sicherlich eine weitere Kandidatin - allerdings steht hier die finanziell äußerst starke Ryanair im Hintergrund." Andere Airlines im deutschen Markt seien akut nicht gefährdet: Die Operations von Germania habe sich in den vergangenen Jahren "bemerkenswert" stabilisiert und Condor, Sun Express oder Tuifly seien ähnlich wie Lauda Motion durch deren Konzernbindung nicht so einfach in Turbulenzen zu stürzen. "Die aus den Zielgebieten (insbesondere Türkei, Nordafrika) operierenden Gesellschaften scheinen den Tiefpunkt überschritten zu haben", konstatiert Brützel.

© Brützel, Lesen Sie auch: Der Niki-Nachlass - mehrfach aufgeteilt und fehlverplant Gastbeitrag

Gerade im Jahr nach den Pleiten von Air Berlin und Niki kämpfe auch der touristische Markt mit Überkapazitäten: "Alle habenihr Angebot nach oben geschraubt, um in entstandene Lücken zu springen. Der Druck auf die Yields ist extrem", so Brützel weiter. Gerade Small Planet konnte in diesem Markt nicht mithalten.

Brützel: Saisonaler Markt

Zudem sei der Markt für Ferienflieger ein "saisonaler Markt, in dem im Winter für kleine Gesellschaften, wie Small Planet, kaum Geschäft zu akquirieren ist". Am ehesten habe eine Airline dieses Formats noch an Regionalflughäfen eine Chance. Da hier jeweils nur einzelne Flugzeuge beschäftigt werden können, ist die Bereederung sowie technische Betreuung laut Brützel nicht nur teuer und komplex, sondern die Operation auch sehr störungsanfällig.

So habe Small Planet in diesem Sommer beispielsweise wegen Triebwerksproblemen oft auf teure Subcharter zurückgreifen müssen, was sicherlich zu entsprechenden Verlusten und damit zu ihrem Niedergang geführt habe. "Unterhalb einer kritischen Betriebsgröße sind daher Ferienfluggesellschaften sehr kurzlebig", resümiert der Professor.

Small-Planet-Kapazitäten an deutschen Flughäfen
0
Paderborn/Lippstadt 18.7
Leipzig/Halle 15.9
Hamburg 10.7
Hannover 10.7
Düsseldorf 9.1
Köln/Bonn 9.0
Frankfurt 6.9
Berlin-Schönefeld 4.9
Bremen 4.4
Übrige Airports 9.7

Die Grafik zeigt die prozentuale Sitzplatzangebot von Small Planet Deutschland an deutschen Flughäfen im Zeitraum vom 19. September bis 27. Oktober. "Übrige Airports" sind jene mit jeweils weniger als vier Prozent Anteil.Quelle: ch-Aviation

Das Jahr der Neuordnung am europäischen Himmel verläuft bislang holprig. Unter anderem das von der EU prognostizierte Personalaufkommen in den Flugsicherungen reicht nicht aus, um die von allen Airlines erhöhten Kapazitätsangebote abzudecken. Lufthansa-Chef Carsten Spohr brachte deshalb die Idee auf, die Flughäfen sollten nicht weiter wachsen. Fraport-Chef Stefan Schulte lehnt dies grundsätzlich ab und pocht auf eine gemeinsame Lösung der Branche.

Das sagen die Airlines

Besonders getroffen hat es Eurowings - denn durch die Einflottung ehemaliger Air-Berlin-Maschinen wuchsen der organisatorische Aufwand und die Kosten für die Lufthansa-Billigplattform immens. Zusätzlich musste der Lufthansa-Konzern kurzfristig zehn Flugzeuge an die Niki-Nachfolge-Airline Lauda Motion abgeben, wodurch der Spielraum, mit Reserveflugzeugen auf technische Probleme reagieren zu können, deutlich schrumpfte.

Eurowings hat jedoch versucht, gegenzusteuern und habe "rasch und konsequent Maßnahmen für mehr Stabilität in ihren Flugbetrieben ergriffen", versichert ein Sprecher auf Anfrage. "Unter anderem größere Puffer in den Flugplänen, bis zu 50 Prozent mehr Personal an Stationen und im Call Center sowie der Aufbau höherer Reserven im Zuge der Aufstockung um 77 Flugzeuge." All diese Maßnahmen hätten den Flugbetrieb "bereits spürbar verbessert".


Auch der Ferienflieger Sun Express - ein Joint-Venture von Lufthansa und Turkish Airlines - betont für den zurückliegenden Teil des Sommers Zufriedenheit: "Die Probleme im europäischen Luftverkehr in diesem Sommer haben uns ebenso betroffen, wie alle anderen Airlines.", sagt eine Sprecherin zu airliners.de. "Mit unserer langjährigen Erfahrung in der Operations haben wir aber Mechanismen geschaffen, um im Bedarfsfall schnell und flexibel die Situation zu beurteilen und gegensteuern zu können. "


Der kleine touristische Carrier Sundair hingegen sieht kaum Performanceprobleme bedingt durch diesen Sommer: "Wir fliegen in diesem Jahr wirklich am Anschlag, aber es lief alles wie am Schnürchen", berichtet Chef Marcos Rossello im Gespräch mit airliners.de. "Es hat nirgendwo gehakt. Es war ein fehlerfreier Sommer!"

Nun blickt die Airline nach vorn: "Wir hoffen, dass sowohl der anstehende Winter als dann auch der Sommer im nächsten Jahr wieder so gut laufen." Zwischen September 2017 und 2018 hatte Sundair eigenen Angaben zufolge drei Verspätungen über drei Stunden: "Kompensationszahlungen halten sich bei uns glücklicherweise komplett in Grenzen", so Rossello.


Auch Tuifly beurteilt die aktuelle Aufstellung aus finanzieller und operativer Sicht stabil. Die Frage nach finanziellen Problemen stelle sich nicht, teilt die Airline mit. "Immerhin steht im Hintergrund der weltgrößte Tourismuskonzern", so ein Sprecher zu airliners.de. "Klar hatten auch wir im Sommer unter den Streiks der Fluglotsen und den Personalengpässen bei Flugüberwachung zu leiden, trotzdem haben unsere Crews und Bodenmitarbeiter alles gegeben unsere Gäste so schnell wie möglich in den Urlaub oder zurück zu fliegen."

Tuifly hatte in den vergangenen Jahren 14 Maschinen an Air Berlin vermietet, die zuletzt für die Ferientochter Niki zum Einsatz kamen. Trotz der von der EU-Kommission untersagten Übernahme des insolventen Carriers, mietet Eurowings langfristig sieben der Maschinen und betreibt damit unter anderem die Basis am Flughafen Nürnberg. "Diese Entscheidung zeigt, dass wir auch über das Volumen unserer eigenen 29 Maschinen hinaus ein verlässlicher Partner sind", so der Sprecher.


Die erst seit diesem Sommer operierende Lauda Motion hat ebenfalls eine starke Partnerin (Ryanair) im Hintergrund: "Somit war es auch möglich, unser umfangreiches Sommer-Flugprogramm aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu fliegen", sagt eine Sprecherin auf Anfrage.

Anfangs kämpfte der Ferienflieger mit schweren operativen Problemen, weil die Systeme nach dem Ende der Partnerschaft mit Condor nicht schnell genug umgestellt werden konnten. Inzwischen spricht die Airline aber von großen Wachstumsplan und möchte 2019 in den Charter-Markt einsteigen - in dem Ryanair schon aktiv ist.


Germania sieht den Sommer mit der Herkulesaufgabe "Wachstum nach Niki" als geglückt an: "Die Erschließung neuer Marktanteile und das damit verbundene Wachstum unseres Unternehmens im vergangenen Jahr waren und sind organisatorisch ein Kraftakt", so ein Sprecher zu airliners.de. Die Herausforderungen in diesem Sommer habe man operativ "ohne signifikante Flugausfälle und Verspätungen erfolgreich bewältigen können".

"Obwohl wir auf die Marktveränderungen schneller als andere reagiert haben, neigen wir dennoch nicht zu Schnellschüssen", versichert die Airline. Man wolle organisch und solide wachsen - "so wie es sich eben für einen Mittelständler gehört". Mit der Bestellung von insgesamt 40 Neo-Maschinen richte man den Blick "grundsätzlich auch nach vorn. Dies ist eine maßgebliche Investition in unsere Zukunft."


Neben dem Blick nach vorn beschäftigt Condor in der Analyse der diesjährigen Sommer-Performance auch die finanzielle Entwicklung in der Vergangenheit: "Condor hatte vor zwei Jahren das erste Mal seit der Sanierung vor 2002/03 ein leicht negatives Ergebnis erzielt und in einem internen Kostensenkungsprogramm den Turn-Around erfolgreich geschafft", so ein Sprecher der deutschen Thomas-Cook-Tochter. Im Markt hat Condor nach Air Berlin und Niki vor allem von dem Kauf der Air Berlin Aviation sowie der Neugründung Thomas Cook Baleaerics profitiert.

© AirTeamImages.com, Mathieu Pouliot Lesen Sie auch: Condor will mehr eigene Flugzeuge


Azur Air reagierte im Laufe des Mittwochs nicht auf eine Anfrage von airliners.de. Die Airline hat seit fast zwei Wochen den eigenen Flugbetrieb eingestellt und informiert die Mitarbeiter den Angaben zufolge nur sehr spärlich.

© FBB, Günter Wicker Lesen Sie auch: Verwirrung bei deutscher Azur Air

Das Fluggastrechteportal EU Claim hat exklusiv für airliners.de die Zahl der Problemflüge von den angesprochenen Airlines zwischen Ende März und heute aufgelistet. Dazu zählen Flüge, die bei Ankunft mehr als drei Stunden Verspätung hatten (also aus finanzieller Sicht wegen einer Entschädigungszahlung relevant sind) und Verbindungen, die komplett gestrichen wurden. In Relation zu der Zahl von angebotenen Flügen ist in dieser Gruppe Azur Air Spitzenreiter:

Problemflüge von Ferienfliegern
Azur Air Condor Eurowings Germania Lauda Motion Small Planet Sundair Tuifly
März* 8.0 3.0 1.3 2.8 0 4.0 0 1.5
April 5.0 1.0 2.0 0.9 5.6 1.1 2.9 0.6
Mai 3.3 5.6 4.0 2.9 13.3 10.2 0 4.3
Juni 5.8 5.3 4.8 1.5 8.7 5.8 2.0 4.2
Juli 15.3 1.5 2.9 0.9 8.5 2.8 0 6.6
August 8.6 2.2 5.6 0.6 3.2 0 3.3 3.5
September** 5.0 1.2 2.3 0.7 4.0 5.5 1.6 0.7

Anmerkungen: Angaben in Prozent und gerundet; * = 25. - 31. März 2018; ** = 1. - 18. September 2018. Quelle: EU Claim, eigene Berechnung

Von: cs
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