Airbus erweitert High-Tech-Kundencenter in Finkenwerder

02.04.2019 - 08:14 0 Kommentare

3D-Projektionen, Walk-Through mit VR-Brille und mehr – was im Hamburger Airbus-Werk bisher nur A350-Kunden vorbehalten war, können jetzt auch A320- und A330-Betreiber für die Einrichtung ihrer Maschinen nutzen.

Virtuelle Kabinenpräsentation im ACDC in Hamburg. - © © airliners.de - Fabian Kühne

Virtuelle Kabinenpräsentation im ACDC in Hamburg. © airliners.de /Fabian Kühne

Seit fünf Jahren bietet Airbus im Customer Definition Center in Hamburg seinen Kunden die Möglichkeit, das Design der Flugzeugkabine vorab zu gestalten und verschiedene Optionen und Ideen virtuell zu erproben oder als Mock-Up zu bauen.

Bisher gab es diesen Service nur für A350-Kunden. Doch der Erfolg der A320- und A330-Modelle und insbesondere die Weiterentwicklung ersterer für Long Range-Einsätze machen es erforderlich, auch in diesen Produkt-Familien den Kunden mehr und flexiblere Möglichkeiten beim Design des Flugzeug-Innenlebens anzubieten. Das Service-Center wurde in Airspace Customer Definition Center (ACDC) umbenannt und ist jetzt für alle aktuellen Modelle zuständig.

Das dürfte vor allem diejenigen Fluggesellschaften freuen, die einen Flottenmix aus mehreren Airbus-Modellen haben, wie zum Beispiel die Lufthansa. Aus diesem Grund wurde ein rund 100 Jahre alter Hangar umgebaut und komplett modernisiert. Vor rund sechs Wochen ist das erweiterte ACDC in Betrieb genommen worden.

Trend zu Kabinen-Segmentation

"Der Trend geht hin zu Kabinen-Segmentation, zu vernetzten Services und personalisierten Angeboten", so François Caudron, bei Airbus Senior Vice President Marketing and Customer Affairs. Die technische Machbarkeit längerer zurückgelegter Flugstrecken in der Long Range-Variante der A320 neo bzw. A321 neo machen eine solche Segmentation zwingend erforderlich.

Bei einem A320LR gibt es bis zu drei verschiedene Beförderungsklassen an Bord, sagt Sören Scholz, der Senior Vice President Cabin Programme. Für jede Klasse – ob Economy, Economy Plus, Premium Economy, Business oder First – gibt es seitens der Airlines besondere Wünsche und Erwartungen hinsichtlich des Designs: Die Wahl des Flugzeugsitzes, die Sitzanordnung, der Sitzabstand, Bordmöbel und Lichtkonzept wollen wohlüberlegt sein, um einerseits den Passagieren den größtmöglichen Komfort zu bieten und andererseits die individuelle DNA der jeweiligen Fluggesellschaft sichtbar zu machen.

Neben der Neugestaltung des Kabinen-Designs – dem Linefit – bietet Airbus mit dem Retrofit-Programm seinen Kunden zusätzlich die Möglichkeit, Maschinen nachzurüsten und auf den neuesten Stand des Einrichtungsdesigns zu bringen.

Kabine zum Anfassen

8000 Quadratmeter stehen zur Verfügung, damit die Airliner mit ihrer neuen Kabine auf Tuchfühlung gehen können und zwar buchstäblich: Im Bereich Trim and Finish Guidance liegen – analog zu einem Fachgeschäft für Inneneinrichtung – in Regalen und auf Tischen Hunderte verschiedene Textilien aus, in diversen Materialien, Farben und Mustern. Doch nicht nur im Textilbereich setzt Airbus auf die Möglichkeit des Anfassens.

Materialauswahl im Airbus-ACDC. Foto: © airliners.de, Fabian Kühne

Auch in den verschiedenen Mock-Ups lassen sich beispielsweise Gepäckfächer öffnen und schließen, so auch die für die A320 neu angebotenen XL Bins mit Platz für bis zu acht statt bisher maximal fünf Handgepäck-Stücke. Auch Flugzeugsitze und die jeweils unterschiedlichen Sitzabstände können hier ausprobiert sowie Bordmöbel getestet werden. Dank 3D-Druck-Verfahren bietet Airbus zusätzlich die Möglichkeit, bei Bedarf unproblematisch weitere Teile für Prototyp-Zwecke zu designen und herzustellen.

Kabinenrundgang mit VR-Brille

Der eigentliche Clou im ACDC sind jedoch die virtuellen Einsatzmöglichkeiten, je nach Modell-Familie. Nach einer intensiven Klärung, welche Anforderungen die Kunden an ihre neue Kabine stellen, wird ein 3D-Modell programmiert, das im Besprechungsraum an die Wand gebeamt wird.

Durch ihre 3D-Brille gewinnen die Kunden einen ersten Eindruck, wie ihre neue Kabine aussehen wird. Je nachdem, wie viele verschiedene Optionen sie testen wollen, lassen sich mit wenigen Mausklicks Designs und Anordnungen abändern: Beispielsweise wird aus einer roten Bestuhlung innerhalb weniger Sekunden eine blaue. Verschiedene Galleys und Lavatorys können sekundenschnell ausgetauscht werden. Kommt spontan der Wunsch nach einer ganz anderen Ausführung auf, so kann Airbus dies innerhalb weniger Stunden oder Tage – je nach Komplexität – ins 3D-Modell integrieren.

Laser zeigen die Position der Sitze

Mit dem von Airbus entwickelten "Floor Projection System" lassen sich in einem abgedunkelten Raum die unterschiedlichen Kabinendesigns hinsichtlich der Anordnung von Sitzen und Bordmöbeln mithilfe von Laserstrahlen auf den Boden projizieren. Auch hier gilt: Per Mausklick lassen sich viele Möglichkeiten durchspielen, um die für den Kunden optimale Lösung zu finden. Im Digital Lavatory Configurator können Kunden direkt am Touch-Bildschirm sehen, welche Materialien wie aussehen und wie verschiedene Beleuchtungsinstallationen das Gesamtbild beeinflussen.


Das "Floor Projection System" kann mit Laserstrahlen verschiedene Sitzkonfigurationen in einem Mock-Up visualisieren. Fotos: © Airbus (oben), © airliners.de, Fabian Kühne (unten)

Ein besonderes Erlebnis für Kunden ist der virtuelle Walk-Trough durch die Kabine: In einem Mock-Up liegt eine Virtual Reality-Brille bereit. Mithilfe dieses technischen Gadgets kann der Kunde in jeden Winkel der Kabine gehen und sich die kleinsten Details der Kabinenausstattung ansehen, er kann Türen öffnen und alles genau unter die Lupe nehmen.

Deutlich früherer Start des Kabinendesign-Prozesses

Die Vorteile liegen auf der Hand: Das Kabinen-Design kann durch diese digitalen Features rund sechs Monate früher angegangen werden. Viele Arbeitsschritte können nun parallel statt sequentiell durchgeführt werden. Das Prototyping kann früher beginnen. Und mithilfe eines Virtual Certification Cabin Walks im Digital Mock-Up (DMU) lassen sich etwaige Probleme im Vorwege vermeiden, so Stefan Römelt, der Senior Vice President CoC Cabin and Cargo.

Dieser virtuelle Rundgang ersetzt natürlich nicht die eigentliche Zertifizierung, simuliert jedoch den Prozess uns liefert so hilfreiche Insights. Als ein Beispiel aus der Praxis kann die Sichtbarkeit von Notausgangsschildern angeführt werden. Durch den virtuellen Test kann untersucht werden, inwiefern die ursprüngliche Position dieser Schilder mit dem gewählten Design in Einklang steht oder aber ob die Schilder beispielsweise durch die Anbringung eines Vorhangs verdeckt und damit an einer anderen Stelle platziert werden müssen.

© dpa, Bodo Marks Lesen Sie auch: Aircraft Interiors Expo zeigt aktuelle Trends in der Flugzeugkabine

Je nach Komplexität, Anforderungen und Dringlichkeit kann der Kabinengestaltungsprozess nur einige Wochen oder aber auch einige Monate in Anspruch nehmen, sagt Eric Ezell, Leiter des Airspace Customer Definition Centre. Das ACDC bietet hierbei ausreichend Kapazitäten, um mehrere Kunden zeitgleich bedienen zu können. Von einer zügigeren und früher abgeschlossenen Kabinendefinition erhofft sich Airbus eine insgesamt schnellere Produktion, eine Kostenreduktion und eine Steigerung der Kundenzufriedenheit.

Das Airspace Customer Definition Centre ist das erste weltweit an einem Airbus-Standort. Wenn es sich bewährt, ist es denkbar, dass ähnliche Angebote auch an anderen Produktionsstandorten geschaffen werden.

Von: Fabian Kühne
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