Hintergrund

Das bedeuten die Deals von Airbus und Boeing

06.07.2018 - 15:57 0 Kommentare

Airbus übernimmt Bombardiers C-Series und fast im Gleichschritt kauft Boeing die Zivilflugzeugsparte von Embraer: Die Luftfahrtindustrie erlebt die Konsolidierung. Experten sehen einen klaren Gewinner.

Ein Techniker checkt ein Triebwerk. - © © dpa - Ralf Hirschberger

Ein Techniker checkt ein Triebwerk. © dpa /Ralf Hirschberger

Der Einstieg von Boeing bei der Zivilflugzeugsparte von Embraer und die Übernahme von Bombardiers C-Series durch Airbus werden für die Luftfahrtindustrie weitreichende Folgen haben. Dies schätzen mehrere Branchenkenner für airliners.de ein. Schon allein weil sich dadurch die Zahl der Anbieter von kommerziell genutzten Flugzeugen in zwei Zügen halbiert.

Denn beide Fusionen treiben einen Trend voran, den die Airline-Branche noch vor sich hat: die Konsolidierung. Mit Airbus, Boeing, Bombardier und Embraer gab es auf dem Markt der Zivilflugzeugfertigung in den vergangenen Jahrzehnten vier große Player - jetzt sind es nur noch zwei.

Die Deals

Durch beide Deals wachse die Marktdominanz von Airbus und Boeing weiter: "Damit sind wieder alle wesentlichen Programme der Zivilluftfahrt in den Händen der beiden Großen", berichtet ein Branchenkenner. Beide Konzerne verbreitern ihre Produktpalette um Maschinen mit 100 bis 150 Sitzen.

In Branchenkreisen wird die Hochzeit von Boeing und Embraer als direkte Reaktion auf die Fusion von Airbus und Bombardiers C-Series gesehen. "Boeing spürte die Lücke in der eigenen Produktpalette und Embraer sah sich plötzlich einem viel größeren Wettbewerber mit hohen Einsätzen und einem ausgeklügelten globalen Marketing- und Support-Geschäft gegenüber", resümiert der Präsident der britischen Luftfahrtberatung Arvai Group, Ernie Arvai.

Punkt geht klar nach Chicago

"Mit den Abkommen haben sich die beiden großen Erstaurüster (OEM, Original Equipment Manufacturer) den Zugriff auf attraktive Regionalflieger gesichert", berichtet ein Kenner. Den Punkt sehe er klar auf der Seite der Amerikaner: "Boeing hat mit Sicherheit mit den Embraer-Fliegern das marktreifere Produkt, auch hinsichtlich der bereits ausgelieferten Flotte und dem potenziellen Service-Umsatz."

Dennoch ist er auch von dem nachhaltigen Erfolg des Airbus-Einkaufs überzeugt: "Die haben ein insbesondere technologisch attraktiveres Produkt, das durch Industrialisierungsmaßnahmen (Senkung der Produktionskosten) ebenfalls seinen Platz bei Kunden mit höherem Passagierqualitätsanspruch finden wird."

Wettbewerbsvorteile für Boeing

Industrieexperte Markus Steinberg von Steinberg Consult stellt zudem heraus, dass Boeing mit dem Schritt auch "massiv in den Zubringermarkt einsteigt". "Während Airbus sich mit der Beteiligung am C-Series-Projekt an einem Entwicklungsprojekt beteiligt hat, sichert sich Boeing Anteile an einem rentablen Mitbewerber und zudem Marktanteile. Embraer weiß, wie man qualitativ hochwertige Flugzeuge baut."

Zeitplan

Während Airbus den Deal mit Bombardier bereits im Oktober offiziell vorstellte, war die Hochzeit von Boeing und Embraer bis zuletzt Spekulation. Denn es gab Widerstand von der brasilianischen Regierung. Eine Komplettübernahme des ehemaligen Staatskonzerns durch Boeing war ausgeschlossen. Immerhin ist Embraer inzwischen privatisiert, aber die Regierung um Präsident Michel Temer kontrolliert das Militär-Programm von Embraer - eine zentrale Sparte des Flugzeugbauers.

Top 10 Flugzeughersteller weltweit nach Markenwert 2017
Angaben in Milliarden Euro
Boeing 14.5
Airbus 8.2
Lockheed 6.8
General
Dynamics
4.0
Northrop
Grumman
3.7
Rolls-Royce 3.3
Raytheon 3.1
BAE Systems 3.0
Safran 2.9
United
Technologies
2.7

Quelle: Brand Finance

Nun will Brasilien den Deal aber nicht blockieren, berichtet "Bloomberg". Die Lösung: Die Embraer-Zivilflugzeugsparte wird als eigene Division ausgegründet, an der Boeing die Mehrheit übernimmt. Das jetzige Unternehmen Embraer fokussiert sich vor allem auf Militär- und Privatjets - weiterhin in enger Abstimmung mit der brasilianischen Regierung.

Trotz aller Vergleiche, dass Airbus und Boeing mit den Deals wieder gleich gezogen hätten, betont auch Steinberg, dass der Konzern aus Chicago die Nase vorn hat: "Boeing hat im heiß umkämpften Aircraft-Markt nun die Möglichkeit, Flugzeuge günstiger anzubieten als bisher, was Boeing einen erheblichen Wettbewerbsvorteil verschaffen wird."

Embraer könnte für höhere Margen sorgen

Der Experte geht davon aus, dass sich Boeing beispielsweise die im Vergleich zu den USA niedrigen Löhne in Brasilien zunutze machen wird. "Das bringt zum einen Brasilien Arbeitsplätze, zum anderen Boeing höhere Margen und die Möglichkeit, den hohen Orderbestand schneller zu monetisieren."

Bleibt zu hoffen, dass Airbus eine passende Antwort in der Schublade hat.

Markus Steinberg von Steinberg Consult

Dass Boeing die große Gewinnerin im direkten Vergleich beider Deals ist, macht Steinberg auch an einem anderen Punkt aus: "Boeing übernimmt faktisch die Mehrheit des rentablen, zivilen Geschäfts von Embraer. Damit erweitert der Konzern die Angebotspalette auf Flugzeuge von 37 bis etwa 470 Sitze."

Gefahren

Die Konsolidierung in der Luftfahrtindustrie war nach Ansicht vieler Experten seit Jahren überfällig. Dennoch birgt sie einige Gefahren, sagt Michael Santo von der Unternehmensberatung H&Z, die erst kürzlich eine Studie zu jenem Aspekt vorgelegt hatte. Insbesondere für kleine und mittlere Zulieferer führt die jetzige Konsolidierung zu einer weiteren Bündelung potenzieller Endkunden. "Wir haben hier quasi Nachfragekartelle im Zivilflugzeugbau."

© Airbus, H. Goussé Lesen Sie auch: Zulieferindustrie leidet unter Airbus-Abhängigkeit

Trotz aller Vorteile könnte Boeing auch schnell zur Verliererin mit dem Deal werden, denn: "Der Teufel steckt im Detail", so Beraterpräsident Arvai. Airbus sei mit dem symbolischen Kaufpreis das "Schnäppchen des Jahrhunderts" gelungen. Boeing hingegen muss um einiges tiefer in den Geldbeutel greifen.

Da das jüngst unterschriebene "Memorandum of Understanding" rechtlich nicht bindend sei, könnte der Einstieg in das noch zu gründende Joint-Venture an politischen, organisatorischen oder gar kulturellen Unterschieden scheitern.

"Kulturell unterscheidet sich Embraer auch von Boeing mit einer, die wir als eine jüngere und lebendigere Kultur im Gegensatz zu einer traditionelleren Kultur bei Boeing wahrnehmen." Aus europäischer Sicht seien beide Deals sinnig, doch gerade im Fall von Boeing gäbe es noch einige Schwierigkeiten.

Von: cs
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