Alitalia-Übernahme abgebrochen

Air France-KLM steht auf und geht

04.04.2008 - 12:48 0 Kommentare

«Das ist unannehmbar.» Jean-Cyril Spinetta stand vom Verhandlungstisch in Rom auf und ging. Nach wochenlangem Ringen um eine Übernahme der in den letzten Zügen liegenden Fluggesellschaft Alitalia schlug der Chef von Air France-KLM die Tür zu. Zuvor hatten die ebenso mächtigen wie kriegerisch gestimmten Gewerkschaften auch den jüngsten Kompromissvorschlägen des Kaufinteressenten Air France-KLM die kalte Schulter gezeigt. «Monsieur Spinetta», wie ihn römische Zeitungen nennen, und die Rettungspläne für die einst stolze Airline Italiens waren gescheitert - Opfer nicht zuletzt des italienischen Wahlkampfes. Der nationalen Alitalia droht so endgültig der Absturz.

«Suizid eines Symbols», Italiens Aushängeschild Alitalia am Ende, so umschreibt die Tageszeitung «La Repubblica» diese neue Etappe im Niedergang der Airline. Persönliche Konsequenzen zog als erster Alitalia-Chef Maurizio Prato - er hatte ein Zusammengehen mit der französisch-niederländischen Gesellschaft trotz der von Paris daran geknüpften Bedingungen befürwortet. Prato trat zurück, während seine immer stärker von Insolvenz bedrohte Alitalia den Verwaltungsrat zu einem Krisentreffen zusammentrommelte. Vom NATO-Gipfel in Bukarest aus beklagte der geschäftsführende Ministerpräsident Romano Prodi einen «Irrtum der Gewerkschaften», die den Bruch erzwungen hätten.

   Je länger die zähen Verhandlungen dauerten, bei einem täglichen Verlust der Alitalia von einer Million Euro, desto mehr geriet das Geschäft in den Strudel des italienischen Wahlkampfes - das Land wählt nach dem Scheitern von Prodis Mitte-Links-Regierung am 13./14. April ein neues Parlament. Silvio Berlusconi (71), Oppositionschef und ziemlich aussichtsreicher Mitte-Rechts-Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten, zog das Alitalia-Debakel in das ansonsten eher müde Wahlgeplänkel: Mit einer finanzkräftigen Seilschaft könnte noch eine «italienische Lösung» auf die Beine gestellt werden, meinte er, also ohne Air France-KLM. Dem Mitte-Links-Steuermann Walter Veltroni blieb der fromme Wunsch, man möge Alitalia aus dem Wahlkampf heraushalten.

   Die Gewerkschaften stemmten sich gegen die Air France-KLM-Pläne zum Abbau von 2100 Arbeitsplätzen und einer Flottenverringerung - aber auch gegen eine herabgestufte Drehscheibe Mailand-Malpensa für Alitalia. So verbanden sich die gewerkschaftlichen mit regionalen Interessen. Was jetzt, Alitalia? «Auf diesem Unternehmen liegt ein Fluch, nur ein Exorzist kann es retten», brachte es Prato, der die Stelle erst im August angetreten hatte, auf einen Nenner: 15 Milliarden Euro Verlust in 15 Jahren. Kein Wunder, dass der italienische Staat seinen Anteil (49,9 Prozent) loswerden will. Es war Prodis Regierung, die einen Deal mit Air France-KLM wollte.

Auch der Chef des italienischen Wirtschaftsverbandes Confcommercio, Carlo Sangalli, flüchtete sich in religiöse Vergleiche: "Da ich katholisch bin, glaube ich an Wunder", sagte er der Nachrichtenagentur ANSA. Die Lage sei aber "schwierig oder sogar beklemmend". Die Alitalia macht derzeit täglich eine Million Euro Verlust.

Der italienische Wirtschaftsminister Tommaso Padoa-Schioppa hatte am Mittwoch vor einem schmerzvollen Unternehmensumbau gewarnt, wenn die Fusion scheitern sollte. Es gebe keinen anderen Käufer für Alitalia, dies bleibe ein Wunschtraum. Die früheren Pleiten der Schweizer Fluggesellschaft Swissair und der belgischen Sabena vermittelten "eine Vorstellung vom düsteren Szenario" eines Konkursverfahrens, sagte er.

Gewerkschaftsführer Raffaele Bonanni forderte Prato in der Zeitung "La Stampa" auf, seinen Rücktritt zurückzunehmen. Er beklagte sich darüber, dass Air France-KLM den Gewerkschaften keine Wahl gelassen habe. Regierungschef Prodi solle auf die Unternehmensgruppe und ihren Chef Jean-Cyril Spinetta einwirken, damit sie zu "ernsthaften" Verhandlungen an den Tisch zurückkehrten.

Italiens rechtsgerichteter Oppositionsführer und früherer Regierungschef Silvio Berlusconi, der sich seinerseits um eine Lösung für Alitalia bemüht, reagierte zunächst nicht. Er hatte wiederholt angedeutet, die Airline durch italienische Investoren retten zu wollen. Handfeste Vorschläge machte er bislang aber nicht. Berlusconi hofft offenbar, bei der Parlamentswahl in zehn Tagen zu punkten und Prodis Mitte-Links-Regierung abzulösen. Am Donnerstag wollte der Aufsichtsrat der Alitalia über das weitere Vorgehen beraten.

   Mehrere italienische Blätter sehen jetzt die deutsche Lufthansa wieder bereit, sich bei Alitalia zu engagieren. Auch die italienische Air One wartete nur auf eine neue Kaufchance. Nach dem Gesetz bleibt nun als eine Möglichkeit die Ernennung eines Alitalia-Kommissars, der die Schulden der maroden Airline einfriert und über Liquidation oder Sanierung entscheidet. Doch zunächst einmal geht Italien wählen.

Von: Von Hanns-Jochen Kaffsack, dpa mit AFP
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