Analyse

Air Berlin kauft sich Zeit

22.03.2017 - 08:04 0 Kommentare

Bei der Finanzierung muss Air Berlin auf hochverzinste Wandelanleihen setzen. Das Geld wiederum soll alte Verbindlichkeiten begleichen. Eine riskante Aktion, die vor allem eins tut: kurzfristig Zeit kaufen.

Boeing 737 von Air Berlin. - © © Air Berlin - Dennis Bhogal

Boeing 737 von Air Berlin. © Air Berlin /Dennis Bhogal

Air Berlin gilt seit langem als finanziell angeschlagen. Am Kapitalmarkt hat es die Fluggesellschaft schwer. Wie schwer, zeigen die jüngsten Finanzmarktaktionen der zweitgrößten deutschen Airline.

Die Fluggesellschaft hatte den Anlegern einer zum März fälligen Unternehmensanleihe kurz vor Ablauf der Laufzeit angeboten, ihr finanzielles Engagement über eine neue Wandelanleihe um noch einmal zwei Jahre bis 2019 zu verlängern. Satte 8,5 Prozent Zinsen, die anteilig sogar pro Quartal ausgeschüttet werden, sollten die Anleger locken.

Finanzexperte: "Das Kalkül ist Zeit"

Mit dem attraktiven Zinssatz sollen die Gläubiger dazu bewegt werden, auf das Verlängerungsangebot umzusatteln. In der Regel würden derartige Anleihen aktuell mit sehr geringen Zinssätzen um die null Prozent begeben. "Risikoreiche Schuldner müssen hingegen höhere Zinsen bieten", sagt Rating-Analyst Sven Reinke von Moody's zu airliners.de. Abhängig von den einschlägigen Marktindizes sind dies aktuell um die vier Prozent.

"Das Kalkül hinter der Tauschaktion: Zeit", fasst Luftfahrtexperte Gerald Wissel von Airborne Consulting zusammen. "Air Berlin will millionenschwere Zahlungsverpflichtungen nach hinten schieben." Das allerdings hat nur zum Teil funktioniert, denn lediglich 41,3 Millionen der insgesamt 140 Millionen Euro in der alten Anleihe sind transferiert worden, wie Air Berlin in einer Pflichtmitteilung mitteilte. Dennoch zeigt sich die Airline insgesamt "zufrieden", heißt es auf Nachfrage bei der Pressestelle.

© dpa, Holger Hollemann Lesen Sie auch: Nur wenige Anleger wollen Air-Berlin-Anleihe verlängern

Die Zahlen legen aber eine andere Interpretation nahe, so Analyst Wissel: "Für Air Berlin wird es zunehmend schwierig auf dem Kapitalmarkt." Noch deutlicher wird das, wenn man die umgetauschten Bondsanteile aufschlüsselt: 40 Millionen Euro macht allein der Anteil von Air-Berlin-Großaktionär Etihad aus, lediglich 1,3 Millionen Euro haben andere Anleger weiterhin investieren wollen.

Eine riskante Rechnung

Die restlichen, fast einhundert Millionen Euro musste Air Berlin Anfang März an die übrigen Gläubiger auszahlen. Man habe die Rückzahlung der Wandelanleihe "ordnungsgemäß vorgenommen", so Air Berlin zu airliners.de. Allerdings kamen lediglich 9,5 Millionen Euro dazu aus dem Cashbestand. Für die Finanzierung des Rests hatte die Airline extra eine neue Wandelanleihe am Markt platziert: 83,7 Millionen Euro kamen so laut Unternehmen in die Kasse.

Ohne die aktuelle Aktion bei Air Berlin zu bewerten, stellt Andreas John, Kapitalmarktexperte der DZ Bank, fest: "Allgemein ist es absolut nicht üblich, fällige Zahlungen eines Kapitalmarktinstrumentes durch weitere Fremdmittelaufnahme zu finanzieren."

Das sind Wandelanleihen

Bei den von Air Berlin ausgegebenen Bonds handelt es sich um Wandelanleihen - auch Convertibles genannt. Diese Sonderform funktioniert ähnlich wie normale Anleihen: Anleger leihen dem Unternehmen Geld, streichen dafür einen Zins ein und bekommen am Ende das Investment zurückgezahlt. Bei Wandelanleihen bekommt der Investor allerdings zusätzlich auch noch eine Aktienkaufoption. Dafür wird vorher ein Wandlungspreis pro Anteil festgelegt. Steigt die Aktie des Unternehmens und liegt dieser Preis innerhalb der vereinbarten Frist darunter, profitiert der Anleger: Er kann sich günstig in das Unternehmen einkaufen. Denn die über einen Convertible gewandelten Papiere werden zu stimmberechtigten Stammaktien.

Sackt der Kurs des Unternehmens jedoch ab und Aktienbesitzer müssen herbe Verluste hinnehmen, braucht der Eigner der Convertibles hingegen keine Einbußen fürchten: Er wandelt seine Anteile nicht in Aktien, sondern gibt die Papiere nach Ablauf der Frist zum garantierten Preis wieder zurück und erhält zwischenzeitlich die jährlichen Zinszahlungen. Gefährlich wird die Lage für den Anleger, falls das Unternehmen vor Ablauf der Frist pleitegeht. Denn dann ist das Investment verloren.

Ohnehin gilt eine hoch verzinste und darüber hinaus auch noch in Stammaktien wandelbare Anleihe bei Finanzexperten als riskante Aktion für Konzerne: "Unternehmen wollen gewöhnlich ja auch die Verwässerung des Aktienkapitals vermeiden", so Reinke. Zudem würden besonders attraktive Konditionen für Wandelanleihen am Kapitalmarkt ein eindeutiges Zeichen in Richtung der Aktionäre setzen, sagen Experten: "Uns geht es finanziell so schlecht, dass wir euch etwas sehr Attraktives bieten müssen, damit ihr uns Geld leiht."

Dies ist problemtisch, erklärt Reinke von Moody's. Denn der Kapitalmarkt für Anleihen sei speziell für viele größere Unternehmen von immenser Bedeutung. "Gerade Fluggesellschaften haben in den vergangenen Jahren verstärkt Anleihen begeben." Im jüngsten Fall wäre bei Air Berlin eine normale Anleihe das sichere Zeichen gewesen - das Signal Richtung Kapitalmarkt hätte dann nicht ganz so verzweifelt geklungen.

Von: cs
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