Air Berlin: Was hat wer wovon?

26.09.2016 - 15:22 0 Kommentare

Ständig kommen neue Gerüchte und Spekulationen über die Zukunft von Air Berlin auf. Darum macht sich airliners.de-Herausgeber David Haße jetzt Gedanken um genau eins: Wer hat eigentlich welche Interessen?

Eine Air-Berlin-Maschine landet am Flughafen Berlin-Tegel. - © © dpa - Soeren Stache

Eine Air-Berlin-Maschine landet am Flughafen Berlin-Tegel. © dpa /Soeren Stache

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Vermutlich bin ich nicht der einzige, der sich über die vielen Gerüchte um die Zukunft der Air Berlin in den vergangenen Tagen nur noch gewundert hat. Gehen große Teile der aktuellen Air-Berlin-Kapazitäten nun an Eurowings, an Tuifly oder gar an beide? Und kauft die österreichische Air-Berlin-Tochter Niki jetzt einen Teil der Tuifly? Oder ist es doch andersrum?

Es ist nicht einfach, zwischen den kakophonisch auf uns einprasselnden Informationen und Gerüchten noch klar zu blicken. Eines ist sicher: Nicht alles, über das gerade geredet wird, macht überhaupt Sinn. Deswegen sage ich einfach mal "Stopp" und versuche, logisch an die Sache ranzugehen. Das kann nur heißen, sich Gedanken um die einzig wichtige Frage zu machen: Wer hat eigentlich welche Interessen?

Lufthansa will mit Eurowings wachsen

Starten wir bei Lufthansa und Eurowings: Klar locken die Air-Berlin-Slots, etwa in München. Und klar will Lufthansa nicht zulassen, dass auch nur einer davon an Ryanair, Easyjet oder Transavia geht. Stattdessen soll Eurowings wachsen, und zwar schnell.

Darum macht es schon Sinn, sich eine mögliche Air-Berlin-Teilübernahme anzuschauen. Nur: Wirklich etwas zu holen ist bei Air Berlin neben Slots und der schnell verfügbaren Kapazität nicht. Die Air-Berlin-Flugzeuge sind allesamt geleast. Und genau hier liegt ein erhebliches Risiko, das die Verhandlungsführer bei der Lufthansa beachten müssen: Fällt Air Berlin komplett aus, darf das keine Auswirkungen auf die Eurowings-Operations haben.

In der kolportierten Konstellation, wonach Air Berlin als Dienstleister für Eurowings fliegen würde, erscheint mir das… sagen wir mal… schwierig. Leasinggeber legen Flugzeuge zuweilen schneller an die Kette, als säumige Fluggesellschaften gucken können.

© AirTeamImages.com, TT Lesen Sie auch: Deal zwischen Lufthansa und Air Berlin rückt immer näher

Da wäre es von Lufthansa durchaus sinnvoll, zu erwägen, den langfristigen Air-Berlin-Wetleasing-Deal mit der Tuifly gleich mit zu übernehmen. Über ein Dutzend Flugzeuge betreibt Tuifly für Air Berlin und Tui will den Vertrag um jeden Preis erfüllen, so lange es nur irgendwie geht. Aber halt, es gibt aber einen Haken: Um es nett auszudrücken, übervorteilt der in Air-Berlin-Expansionszeiten geschlossene Vertrag den Leasingnehmer nicht wirklich. Deutlicher formuliert: Man munkelt, der Deal sei mit ursächlich für die nachhaltigen Probleme der Berliner, aus den Miesen zu fliegen. Und das ohne Vertragsende.

Tuifly will weiter ihre Flugzeuge auslasten

Wenn nun aber dieser Vertrag aus Tui-Sicht wirklich so attraktiv ist, dann wird Lufthansa ihn wohl nicht übernehmen wollen. Zumal die darin beschäftigten Tui-Flugzeuge nach einer eventuellen Air-Berlin-Pleite ohnehin für neue Wet-Leasing-Partnerschaften frei würden - etwa für Eurowings. Dann aber zu marktüblichen Konditionen.

Freilich weiß kein Außenstehender, was genau im Air Berlin-Leasing-Deal steht. Dreh- und Angelpunkt im Übernahmepoker scheint er allemal zu sein. Nicht umsonst hat sich Tui recht deutlich dazu zu Wort gemeldet: "Wir müssen unsere wirtschaftlichen Interessen aus dem Air-Berlin-Vertrag wahren und vorbereitet sein, dass der heutige Air-Berlin-Anteil unseres Flugprogramms in Deutschland gesichert ist", schrieb die Tuifly-Führung vergangene Woche an ihre Mitarbeiter. Dementiert wurde neben den Gesprächen mit Easyjet nur eines: Zusammen mit Lufthansa werde man die Air-Berlin-Tochter Niki nicht übernehmen.

Aber wie wär’s alleine? Schon ist man bei den Tuifly-Piloten aufgeregt: Die Befürchtungen sind nicht einmal unschlüssig. Setzt Tuifly insgesamt demnächst auf eine OE-Registrierung samt günstigerem Niki-Tarifvertrag? Das könnte aus Tui-Sicht durchaus Sinn machen. Es kommt einzig darauf an, ob Niki inklusive der Vorteile aus dem Niki-Kollektivvertrag die bisherigen Gewinne aus dem Air-Berlin-Knebelvertrag übersteigen.

Etihad will einen europäischen Zubringer, der nicht zu viel kostet.

Sicher fragen auch Sie sich spätestens jetzt: Welchen Wert hat dann aber der Rest für die Lufthansa, wenn die touristisch wertvollen Rosinen an die Tuifly gehen? Oder andersrum: Warum sollte Tui sich mit dem Rest nach einer Eurowings-Übername abgeben? Und so stellt sich die Frage, auf wie vielen Hochzeiten die Air-Berlin-Verhandler tanzen und wie viele Bräute sie wirklich wollen? Zwei, oder eigentlich nur eine?

Denn warum kommt jetzt plötzlich die Überlegung mit Tuifly ins Spiel? Erst die Spekulationen um einen Easyjet-Einstieg, dann ist Air Berlin angeblich bereit, der Tuifly ihre österreichische Tochter Niki zu veräußern. Wohlmöglich als Ablöse für den Leasing-Deal? Warum nicht auch noch die schweizer Tochter Belair mit dazu? Schau her Lufthansa, es gibt noch Alternativen.

War Eurowings am Ende sogar nur der erste Akt im von Etihad orchestriertem Verkaufspoker um Air Berlin? War für Abu Dhabi gar von Anfang an Tuifly die präferierte Lösung? Ganz ohne kartellrechtliche Stolpersteine und ohne irgendwelche Lufthansa-Nebenabsichten? Waren die Lufthansa-Übernahmegerüchte nicht mehr als ein Blöff? Denn am Ende sollte eines klar sein. Auch der Air-Berlin-Großaktionär hat eigene Interessen: Europäische Zubringer, die nicht zu viel kosten. Punkt.

© dpa, Wolfgang Kumm Lesen Sie auch: Air Berlin wird eventuell noch mehr zerstückelt

Wie dem auch sei - es bleiben viele Fragen. Die nahe Zukunft wird wohl die Antworten bringen. Wir werden sehen, wie viel Sinn die dann im Einzelnen für die beteiligten Protagonisten machen. Ich bin jedenfalls gespannt, wer am Ende lacht.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann ist beruflich seit rund 15 Jahren in der Onlinebranche zu Hause. 2007 machte er sich mit dem zuvor als Projekt gestarteten airliners.de selbständig. Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh
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