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Air Berlin - Tod einer Airline

13.08.2018 - 07:15 0 Kommentare

Karl Born geht die Riege der ehemaligen Air-Berlin-Chefs durch und rechnet ab: Hier erinnert vieles an einen Mord, nur wo ist der Gärtner? Ein Drama in fünf Akten.

Bei Air Berlin ist die Luft raus. - © © dpa -

Bei Air Berlin ist die Luft raus. © dpa

Prolog

Am 15. August .2017 ist Air Berlin gestorben. Sie ist 38 Jahre alt geworden. Zu jung, um eines natürlichen Todes gestorben zu sein. Was war die Todesursache und wer waren die Täter?

Mord war es nicht, Juristen würden sagen, da fehlen die typischen Mordmerkmale. Tod durch unterlassene Hilfeleistung trifft es auch nicht. Es wurde eher zu viel geholfen, allerdings mit falschen Mitteln. Bleibt nur fahrlässige Tötung.

Kommt der Täter gar aus den eigenen Reihen? Mitarbeiter? Wohl kaum, sie folgten ihrer Airline schon fast sektenhaft. Wer bleibt gemäß Ausschlussverfahren übrig? Täter müssen die eigenen Vorstände gewesen sein, insbesondere die zuletzt im Turbotempo wechselnden CEOs.

Akt 1: Hochzeit oder Anfang vom Ende

Der Moment des größten Erfolgs ist ja oft bekanntlich auch der des Anfangs vom Ende. Im Fall der Air Berlin muss dies der 11. Mai 2006 gewesen sein, als (im zweiten Anlauf) der Gang an die Börse klappte.

Der enorme Kapitalzufluss des erfolgreichen IPOs und danach einige relativ einfach gelaufenen Geldaufnahmen am Kapitalmarkt haben bei den damalig Verantwortlichen das falsche Gefühl aufkommen lassen: "Geld wächst auf den Bäumen, man muss es nur pflücken."

Von Tui über den Tisch gezogen

Das führte letztlich dazu, mal so richtig shoppen zu gehen. Für dba, LTU und Belair wurde mehr Geld als nötig verprasst. Vollkommenes Unverständnis herrschte in der Branche, als Einzelheiten aus dem 2009 geschlossenen "Tui-Deal" bekannt wurden: Laufzeit 20 Jahre und nur einseitig kündbar.

Kurz um: Tui hat den Air-Berlin-Vorstand über den Tisch gezogen. Zu diesem Zeitpunkt musste man rückblickend Air Berlin schon als nicht mehr rettbar bezeichnen.

Akt 2: Hunold und die "Titanic"-Parallelen

2009 sprach Bundeskanzlerin Merkel etwas überraschend auf der 30-Jahrfeier von Air Berlin. Airline-Chef Hunold wies in seiner Dankesrede an sie darauf hin, wie selten es doch sei, dass sie bei einem solchen Auftritt nicht mit Geldbitten für die veranstaltende Firma belästigt worden sei. Spätestens als er die Kanzlerin danach umarmte, hat die wohl ihren Auftritt bereut …

Vieles erinnerte bei Air Berlin damals an die Titanic: "Ich bin unsinkbar, volle Kraft voraus, Eisberg geh aus dem Weg!" Und die Musik bei Air Berlin spielte wie auf der Titanic bis zum Schluss: "Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin, kein Sturm hält sie auf, uns're Air Berlin …"

Akt 3: Auftritt Mehdorn

Im November 2011 trat Hartmut Mehdorn die Nachfolge von Joachim Hunold an. Als der "Eisberg" direkt vor Air Berlin wirklich nicht mehr zu übersehen war, präsentierte er noch im selben Jahr den Retter-Vertrag mit Etihad. Für Air Berlin war das der Börsengang reloaded. Denn in Wirklichkeit sollte sich im Laufe der Zeit zeigen, wie hochgradig vergiftet auch dieser Vertrag war.

Mehdorn machte bei Air Berlin da weiter, wo er bei der Bahn aufgehört hatte. Ein Sparprogamm jagte das nächste, wobei deren Namen immer sensationeller wurden, was im Gegensatz zum realen Erfolg stand. Seine Amtszeit war mit 14 Monaten deutlich unspektakulärer.

Fast hätte ich vergessen, seinen Nachfolger Prock-Schauer zu erwähnen, bei dem man bis heute nicht ganz sicher ist, ob er als CEO oder als erster Buchhalter beschäftigt war. Den Mitarbeitern wird er mit einer temporären fünfprozentigen Gehaltskürzung in Erinnerung bleiben.

In dieser Zeit verkaufte Finanzvorstand Hüttmeyer - ein echter "Dealmaker" - auch die letzten Flugzeuge und leaste sie zurück. Jeder einzelne Deal rettete kurzfristig, machte jedoch die letzte kleine Hoffnung auf eine langfristige Rettung zunichte. Nicht grundlos kamen hier erste Vergleiche mit Thomas Middelhoff und dessen Verkauf der Kaufhof-Häuser auf.

Akt 4: Das enge Europa

Anfang 2015 wurde Stefan Pichler CEO von Air Berlin. Das war insofern überraschend, als er dies in einem Interview ein Jahr vorher noch mit den Worten "Ich glaube nicht, dass ich in diese Welt hineinpasse. Dazu ist mir Europa mittlerweile ein bisschen eng" ausschloss.

Keine Ahnung, ob Europa in der Zwischenzeit weiter geworden ist oder ob Etihad-Chef James Hogan ihm alle Freiheiten versprochen hatte. Beides trifft nicht zu. Pichler musste sehr schnell erfahren, wie vergiftet die Geldspritzen der angeblichen Gönnerin vom Golf waren. Es ging Etihad nie um eine echte Rettung von Air Berlin, sondern nur um die Umsetzung der eigenen Strategie. James Hogan zeigte jeden Tag mehr, wer der "wahre CEO" für Air Berlin war. Nach 23 Monaten war auch für Pichler Schluss.

Akt 5: Der bestbezahlte Bestatter

Anfang 2017 trat Ex-Lufthanseat Thomas Winkelmann den Chefposten bei Air Berlin an - ohne echte Zukunftsperspektive. Eigentlich konnte es nur noch darum gehen, den Sargdeckel zuzumachen. Durch die sonderbare Gehaltsabsicherung seitens Etihad dürfte er der zur Zeit bestbezahlte Bestatter dieser Republik sein.

Klar, was soll der arme Mann auch machen, wenn seine Zeit erkennbar bei Air Berlin schnell vorbei sein sollte? Wer nimmt noch so jemand? Ich erinnere mich an den ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler. Er sagte damals (höchst umstritten) den Schlecker Frauen eine problemlose "Anschlussverwendung" voraus.

Winkelmann hat "überraschenderweise" auch eine solche "Anschlussverwendung" bei der Logistikfirma Zeitfracht bekommen - nur ein paar Hundert Meter von Air Berlin entfernt. Dafür hat er auf einen Teil seiner "Etihad Absicherung" verzichtet. Ich möchte ehrlich gesagt, gar nicht wissen, wie klein dieser Teil war.

Epilog

Aus Platzgründen kann hier keine vollzählige Aufzählung der "potenziellen Täter" stehen. So könnte man auch Hans-Joachim Körber im engeren Verdächtigenkreis sehen - um im bildhaften Vergleich zu bleiben. Körber, der sechs Jahre als Vorsitzender im Board der PLC viel mehr Einwirkungsmöglichkeiten gehabt hatte als ein normaler Aufsichtsratsvorsitzender in Deutschland.

Über den Autor

© privat

Als Redner auf Führungskräfte- und Verbandstagungen ist Karl Born ständig in der ganzen Welt unterwegs. Als "Querdenker der Reisebranche" für seine "Bissigen Bemerkungen" ausgezeichnet, nimmt der ehemalige Airline- und Touristikmanager auch in Sachen Luftverkehr kein Blatt vor den Mund. Kontakt

Und auch nicht vergessen werden sollte Lufthansa-Lenker Carsten Spohr: Ein bekanntes Nachrichtenmagazin hat jüngst mit einem "investigativen" Bericht dargestellt, wie sehr sich Spohr um die Rettung der Air Berlin bemühte. Als er dann zum Schluss noch zitiert wurde, dass er auch Bürger dieses Landes sei, und er als solcher begrüße, dass die Bundesregierung den Flugbetrieb der Air Berlin eine Zeitlang weiterfinanzierte und dass deshalb die Interessen der Lufthansa zurückstehen mussten, sind mir die Tränen der Rührung über das Gesicht gelaufen.

Es wäre schön gewesen, wenn die Redaktion ähnlich investigativ recherchiert hätte, wie Lufthansa (sicherlich mit politischer Rückendeckung) alles tat, um einen Betriebsübergang zu vermeiden.

In diesem Beitrag, aber auch zuletzt in anderen Medien, wird suggeriert, alles wäre halb so schlimm. Auch die Ex-Air-Berlin-Mitarbeiter haben überwiegend wieder einen neuen Job. Happy End in Sicht.

Nur der Tod der Air Berlin kennt kein Happy-End.


Alle Themen in unserem Schwerpunkt zur Air-Berlin-Insolvenz:

Von: Karl Born für airliners.de
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