So will Air Berlin aus den roten Zahlen fliegen

29.09.2016 - 17:02 0 Kommentare

Air Berlin baut um: Neben einem Leasingvertrag mit der Lufthansa soll künftig vor allem das Geschäftsreisesegment samt Langstrecken Gewinne bringen. Die Touristik bleibt dennoch im Portfolio.

Stefan Pichler ist Chef der Air Berlin. - © © dpa - Maja Hitij

Stefan Pichler ist Chef der Air Berlin. © dpa /Maja Hitij

Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin ihre finanzielle Dauerkrise beenden. "Wir erwarten, in 2018 operativ schwarze Zahlen zu schreiben", sagte jetzt Vorstandschef Stefan Pichler bei einer Telefonkonferenz mit Journalisten und nannte weitere Details zu den geplanten Umstrukturierungen.

"Wir schaffen für Air Berlin ein topsortiertes Kerngeschäft mit einer klaren Strategie", sagte Pichler, der die Fluglinie seit eineinhalb Jahren führt. Bisher habe man alle Marktsegmente mit einer operativen Plattform abdecken wollen. Dieses Modell sei gescheitert.

Stattdessen soll Air Berlin zukünftig operativ in drei Bereiche unterteilt werden, wie aus einem Strategie-Papier der Fluggesellschaft hervorgeht:

Fokus auf Geschäftsreiseverkehr und Langstrecken

Mit 75 Flugzeugen im Geschäftsreisesegment will die "neue Air Berlin", wie die Fluggesellschaft diesen Teil bezeichnet, künftig nur noch von den Drehkreuzen Berlin und Düsseldorf aus abheben. An den beiden Standorten will die Airline ihre Marktführerschaft nach Sitzplatzkapazitäten weiter ausbauen.

Dabei setzt die Fluggesellschaft vor allem auf hohe Frequenzen sowie eine enge Abstimmung mit den Langstreckenangeboten. Die Langstrecken stehen ohnehin im Fokus der Air-Berlin-Neupositionierung. Bestehende Frequenzen nach Nordamerika sollen ausgebaut und neue Destinationen aufgenommen werden. Bis 2019 will Air Berlin dazu acht weitere Langstreckenflugzeuge anschaffen.

© AirTeamImages.com, Paul Paulsen Lesen Sie auch: Air Berlin setzt noch mehr auf USA-Langstreckenflüge

In Europa will sich Air Berlin derweil auf Deutschland, Österreich und die Schweiz sowie die wichtigsten Hauptstädte und Geschäftsreisezentren in Skandinavien, Italien und Osteuropa konzentrieren.

Für den Air-Berlin-Kernbereich bedeute das neue Konzept 77 Prozent weniger Strecken bei einer Verkleinerung der Flotte um nur 50 Prozent, so Pichler. Seinen Planungen zufolge wird sich die Umstellung in einer deutlich besseren Produktivität messen lassen.

Damit geht auch der Rückzug von Air Berlin aus "der Fläche" weiter. So will sich die Airline von den Flughäfen Frankfurt, Hamburg, Köln/Bonn, Leipzig/Halle und Paderborn verabschieden. Basen soll es nur noch an den beiden Drehkreuzen Düsseldorf und Berlin sowie in abgeschwächter Version in Stuttgart und München geben.

In der Air-Berlin-Präsentation zur Strategie fällt zudem auf, dass in der Übersicht der zukünftigen Air-Berlin-Basen den Wiener Heimatflughafen der österreichischen Air-Berlin-Tochter Niki fehlt. Auch Zürich, Heimatbasis der Schweizer Tochter Belair, wird nicht mehr als Hauptstandort sondern lediglich als Zielflughafen der "neuen Air Berlin" aufgeführt.

Touristischer Verkehr wird vorerst weiter mitgeschleift

Das Touristikgeschäft erhält derweil einen eigenen Geschäftsbereich. Anders als im Geschäftsreisebereich soll der klare Fokus der touristischen Strecken zukünftig im Tour-Operator-Vertrieb liegen. In wie weit der touristische Teil der Flotte auch zukünftig noch unter der Marke Air Berlin fliegen wird, lässt die Analystenpräsentation offen.

© AirTeamImages.com, Rudi Boigelot/Alun Morris Jones, Kollage: a.de Lesen Sie auch: Air Berlin hebt schon bald für Eurowings ab

Somit wird es wohl auf absehbare Zeit auch weiterhin noch eine Vielzahl touristischer Strecken im Air-Berlin-Portfolio geben. Aber der Bereich scheint vor weiteren Veränderungen zu stehen. Laut Air Berlin sollen "strategische Optionen" geprüft werden - eine recht vage Skizze für einen mit 35 Flugzeugen auch weiterhin doch sehr großen Anteil der Air-Berlin-Kapazitäten.

Dabei gilt als offenes Geheimnis, dass Air Berlin 14 von der Tuifly langfristig angemietete - und künftig im touristischen Bereich fliegende - Flugzeuge lieber heute als morgen loswerden möchte. Pichler äußerte sich nicht näher zu der Frage. Tui sei ein wichtiger Vertriebspartner. Das habe mit der Schaffung des neuen Geschäftsbereichs aber nichts zu tun.

Einstieg ins große Leasinggeschäft mit Lufthansa

Für 40 weitere Jets, die von der neuen Air Berlin nicht mehr selbst benötigt werden, hat Pichler dagegen bereits einen Abnehmer gefunden. Die Maschinen werden ab dem Sommerflugplan 2017 samt Cockpit- und Kabinenbesatzung von der Lufthansa angemietet und sollen vor allem für Eurowings zum Einsatz kommen.

Air Berlin hatte zuvor auch schon Flugzeuge vermietet, allerdings in wesentlich kleinem Format. Dem Strategie-Papier zufolge rechnet die Airline dank der zunächst sechs Jahre laufenden Leasing-Kooperation mit Einnahmen in Höhe von insgesamt 1,2 Milliarden Euro - rund 50 Millionen Euro pro Flugzeug und Jahr.

© dpa, Oliver Berg Lesen Sie auch: So will Eurowings weiter wachsen

Für Air Berlin kommt das durchaus gelegen. Die mit fast einer Milliarde Euro verschuldete Airline wird schon seit Jahren von ihrer arabischen Großaktionärin Etihad mit immer neuen Millionenspritzen in der Luft gehalten. Pichler ließ offen, ob weitere Zuschüsse vom Golf notwendig sind. Die Restrukturierung koste einen höheren zweistelligen Millionenbetrag.

"Etihad Airways unterstützt den Vorstand von Air Berlin bei der größten Umstrukturierung der Unternehmensgeschichte und steht langfristig zu seinem Engagement", teilte der Großeigner mit. Etihad ist seit 2011 an Air Berlin beteiligt und habe davon bisher sehr profitiert. So bringe die Kooperation Etihad heute mehr als 150 Millionen Dollar Jahresumsatz, hieß es.

Von: dh, mit Material von dpa
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