Air-Berlin-Mitarbeiter warnen vor Lufthansa-Übernahme

29.08.2017 - 12:07 0 Kommentare

Die Mitarbeiter der Air Berlin kritisieren die Bundesregierung: Mit ihrem Pro-Lufthansa-Kurs lasse sie "soziale Schutzwürdigkeit" außer Acht. Der Kranich-Konzern hat dem Personal bereits Angebote unterbreitet.

Kabinenmitarbeiterin der Air Berlin verteilt am Ende des Fluges Schokoherzen an die von Bord gehenden Fluggäste. - © © Air Berlin -

Kabinenmitarbeiterin der Air Berlin verteilt am Ende des Fluges Schokoherzen an die von Bord gehenden Fluggäste. © Air Berlin

Der Betriebsrat der Kabinen-Mitarbeiter von Air Berlin hat vor einer Übernahme durch die Lufthansa Group gewarnt. In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisiert die Mitarbeitervertretung, dass die Regierung die "soziale Schutzwürdigkeit" außer Acht lasse, berichtet "Der Spiegel".

Minister von Union und SPD hatten sich dafür ausgesprochen, dass die Lufthansa Group große Teile der Air Berlin übernimmt. Die Mitarbeitervertretung kritisiert dies scharf: Die Regierung vertrete "im Zuge einer Aufspaltung der Air Berlin einseitig deutsche Wirtschaftsinteressen", schreibt der Betriebsrat.

Bereits hunderte Stellen ausgeschrieben

Der Grund für den Brief ist dem Nachrichtenmagazin zufolge die Entscheidung der Lufthansa, noch vor der Übertragung von Teilen der Airline in Stellenausschreibungen nach Personal für die Maschinen zu suchen. Für zusätzliche Flugzeuge sollen in einer ersten Phase 200 Piloten und 400 Flugbegleiter eingestellt werden, bestätigte ein Sprecher.

Dies geschehe allerdings zu deutlich schlechteren Bedingungen: Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr hatte Medienberichten zufolge zwei Tage nach dem Insolvenzantrag von Air Berlin gesagt, Lufthansa könne Air-Berlin-Mitarbeiter nur zu Eurowings-Konditionen einstellen. "Hierdurch sollen ganz offensichtlich die gesetzlichen und tariflichen Mechanismen eines Betriebsübergangs ausgehebelt werden", kritisierte die Vertretung des Kabinenpersonals.

Gewerkschaft Ufo pocht auf bessere Konditionen

Auch Nicoley Baublies sieht die Pläne des Kranich-Konzerns kritisch: "Die Lufthansa versucht, die Flugzeuge der Air Berlin zu günstigen Konditionen zu bekommen, doch an den Mitarbeiterkosten darf nicht gespart werden." Billiges Blech bedinge nicht automatisch auch billiges Personals, warnt der Vorstand der Flugbegleiter Gewerkschaft Ufo.

"Grundsätzlich ist es aus unserer Sicht natürlich gut, dass die Lufthansa Group den Mitarbeitern eine berufliche Perspektive schafft, aber die Konditionen müssen auch stimmen. Hier müssen wir gemeinsam mit dem Konzern eine bessere Lösung finden."

Air-Berlin-Crews bieten Potenzial

Ein mögliches Szenarie nach der Insolvenz der Air Berlin sieht vor, dass der Carrier unter dem Dach der Lufthansa Group an deren Billitochter Eurowings andockt. Gerade die Langstreckenjets der Air Berlin und deren geschultes Personal seien für den Kranich-Carrier wertvoll.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi begrüßt es, dass der Gläubigerausschuss der insolventen Airline nicht nur mit Lufthansa über eine Übernahme verhandelt: "Das oberste Ziel muss also sein, dass für die Beschäftigten gute Übergänge geschaffen werden", sagte Bundesvorstand Christine Behle.

Air Berlin hatte vor zwei Wochen Insolvenz angemeldet und verhandelt nun nach eigener Aussage mit mehreren Interessenten über eine Übernahme. Neben Lufthansa sind dies laut Aussage der Regierung vom Wochenende Easyjet und Ryanair.

Crew-Bewerbung

Die gesamte E-Commerce-Abteilung der Air Berlin hat sich in der vergangenen Woche kollektiv um einen neuen Job beworben. Dazu schaltete das 60-köpfige Team sogar eine eigene Website. Nach Informationen der „Berliner Morgenpost“ hat Air Berlin dem Chef der Abteilung nun gekündigt. Der Internet-Auftritt stelle "geschäftsschädigendes Verhalten" dar, denn die Crew-Bewerbung habe interne Informationen über das Unternehmen enthalten, die Rückschlüsse auf die Vermarktungsstrategien von Air Berlin zugelassen haben, so die Zeitung. Doch die Bewerbung scheint anscheinend schon Erfolg gehabt zu haben: Gegenüber dem Werbeportal W&V sagte eine Sprecherin der Agenturgruppe Fischer Appelt, man habe Interesse daran, die 60-köpfige Truppe zu übernehmen.

Foto: © Screenshot "Berliner Morgenpost"

Doch nicht nur die Kabinen-Crews werden umworben, auch die Piloten der Air Berlin bekommen laut eines Insiders bereits viele Jobangebote. Da viele von ihnen sowohl ein Rating für einen Airbus-Mittelstreckenjet als auch eine –Langstreckenmaschine besitzen, hat das Personal einen gewissen Wert für Air Berlin. Allerdings seien laut Branchenkennern Piloten mit doppeltem Rating, die flexibel einsetzbar sind, beim Luftfahrt-Bundesamt nicht gern gesehen.

In der vergangenen Woche führte Qatar Airways schon zwei offene Piloten-Castings in der Hauptstadt durch. Ob diese im direkten Zusammenhang mit der Air-Berlin-Insolvenz stünden, ist nicht bekannt.

© Qatar Airways, Lesen Sie auch: Qatar Airways umwirbt Berliner Piloten

Die Stimmung im Unternehmen sei zwar gedrückt, es gebe aber keine Massenflucht von Mitarbeitern, sagte derweil Air-Berlin-Technik-Betriebsrat Wolfgang Fleischer. "Uns ist wichtig, dass die Mitarbeiter eine Perspektive kriegen, mit welchem Anbieter auch immer das Verfahren weiter läuft."

Von: cs
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