Gedankenflug

Filetierung in Eigenverantwortung

16.08.2017 - 14:15 0 Kommentare

Air Berlin ist pleite. Die Umstrukturierung samt Bürgschaft vom Bund ist eine Farce und die Luftverkehrs-Realitäten in Deutschland werden neu gemischt. Ein Kommentar von airliners.de-Herausgeber David Haße.

Eine Flugbegleiterin der Air Berlin.  - © © dpa - Caroline Seidel

Eine Flugbegleiterin der Air Berlin. © dpa /Caroline Seidel

Nun ist es also passiert: Air Berlin ist insolvent. Besonders überrascht hat das wohl niemanden, obwohl der plötzliche Liebesentzug aus Abu Dhabi schon ein wenig überraschend kam. Die Araber, denen das Überleben der Air Berlin im Expansionswahn Milliarden wert war, bezeichnen sich nun in ihrer Pressemitteilung nur noch ganz bescheiden als "Minderheitsaktionär".

Aus, vorbei

Ich glaube, man muss niemandem erzählen, dass die Insolvenz zur Restrukturierung in Eigenverantwortung eine Farce ist. Jeder weiß, was jetzt passiert: Der Kuchen wird ratzfatz aufgeteilt oder aber die Leasinggeber holen ihre Flugzeuge nach Hause, Gläubiger legen sie hier und da an die Kette, Tanken geht nur noch per Vorkasse und schon bald fliegt gar nichts mehr in rot/weiß. Die Folgen für die Passagiere sind teilweise sicher schmerzhaft. Aber auch das geht vorüber: Es bucht ja spätestens seit gestern eh keiner mehr ein Ticket.

© dpa, Kay Nietfeld Lesen Sie auch: Air Berlin ist insolvent

Aber kommen wir zu den weniger offensichtlichen Folgen. In Düsseldorf geht es politisch gerade um die Kapazitätserweiterungen, die jetzt sicher von einigen wieder in Frage gestellt wird. Und in Berlin werden manche Politiker sogar froh sein, die Kapazitätsprobleme gelöst zu haben und Tegel ruhigen Gewissens schließen zu können. Aber niemand sollte sich zu sehr freuen: Die Lücke, die Air Berlin hinterlässt, wird schnell wieder gefüllt sein.

Filetierung in Eigenverantwortung

Darum bedarf es auch keiner Bürgschaft vom Bund. Es geht auch ohne Air Berlin. Die großen Billig- und Ferienflieger werden spätestens zum nächsten Sommerflugplan alle interessanten Märkte übernommen haben. Allen voran Eurowings. Daher geht es hier auch nicht um eine Umstrukturierung sondern um eine Filetierung in Eigenverantwortung.

Aber wird Air Berlin wirklich ganz verschwinden? Mal sehen - immerhin hatte das neue Air-Berlin-Management vor nicht allzu langer Zeit schon in weiser Vorahnung die "Air Berlin Aeronautics" aufgesetzt. Noch fehlt zwar das AOC, aber die Nachfolgegesellschaft soll Basis für die Wet-Leasing-Operation für Eurowings werden. Lufthansa-Spross Winkelmann hätte dann sein Werk als Air-Berlin-Chef kartellrechtlich einwandfrei erreicht. Lufthansa hat zum weiteren Aufbau ihrer Eurowings ja offenbar sogar die Politik auf ihrer Seite.

Der Wirt ist tot

Interessant wird dann, wie es mit Niki weitergeht. Die österreichische Tochter sollte ja ohnehin schon eine Touristik-Ehe mit Tuifly eingehen. Tui und Etihad wollten aber nicht. Vielleicht passt Niki ja nun gut zur neuen Wiener Easyjet Europe. Oder doch zur Wiener Eurowings Europe? Wie auch immer - ganz sicher wird es dort ohne Tuifly weitergehen. Der Laden lief nur durch ein langfristiges und großzügiges Wet-Leasing-Geschäft mit Air Berlin. Aber der Wirt ist jetzt tot. Wenn hier keine Lösung gefunden wird, stirbt also über kurz und lang die nächste deutsche Airline gleich mit.

© Lufthansa Group, Lesen Sie auch: Die neuen Realitäten im deutschen Luftverkehr Apropos (16)

Wo wir beim Airline-Sterben sind: Auch die Luftfahrtgesellschaft Walter steht nun vor existenziellen Problemen, denn sie wird ganz sicher nicht mehr lange für Air Berlin zu Regionalflughäfen starten. Damit schließt sich der Kreis zu den Flughäfen: Der Air-Berlin-Wegfall trifft aber nicht nur Regionalflughäfen und kleinere Standorte, wo kurzfristig Verbindungen wegfallen. Auch an größeren Standorten droht langfristig, die Anbietervielfalt zu verschwinden.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann ist beruflich seit rund 15 Jahren in der Onlinebranche zu Hause. 2007 wagte er mit dem zuvor als Projekt gestarteten airliners.de den Schritt in die Selbständigkeit.
Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh
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