Air Berlin stellt den Flugbetrieb ein

27.10.2017 - 17:16 0 Kommentare

Air Berlin verschwindet aus den Flugplänen. Während Konkurrenten die Lücken langsam schließen ist die Zukunft für viele Mitarbeiter weiterhin unklar. Die Abwicklung der Fluggesellschaft geht derweil in die nächste Phase.

Leerer Check-in-Schalter der Air Berlin am Flughafen Tegel - © © dpa - Wolfgang Kumm

Leerer Check-in-Schalter der Air Berlin am Flughafen Tegel © dpa /Wolfgang Kumm

Air Berlin stellt ihren Flugbetrieb ein. Als letzten Flug legte die insolvente Airline einen Flug von München nach Berlin fest. Fast 40 Jahre nach dem Start der ersten Air-Berlin-Maschine in Tegel soll dort am Freitagabend um 22:45 Uhr der letzte Flieger der insolventen Airline landen. Eine offizielle Veranstaltung rund um den Letztflug gibt es nicht.

Auf dem Flug ist unter anderem der langjährige Unternehmenschef Joachim Hunold gebucht, der Air Berlin von 1991 bis 2011 führte und in dieser Zeit zur Nummer zwei in Deutschland machte. Das Wachstum wurde aber zum Problem für das Unternehmen.

Nun sollen alle Flugzeuge am späten Abend zum letzten Mal in Berlin und Düsseldorf eintreffen. Vielerorts gibt es kleine Gate-Events und die letzten Maschinen sollen von den Flughafenfeuerwehren mit Wasserfontänen verabschiedet werden. In Düsseldorf, wo knapp 3000 der insgesamt rund 8000 Beschäftigten der Airline arbeiten, soll ebenfalls um 22:45 eine Maschine aus Italien landen.

Der planmäßig allerletzte Flug unter Air-Berlin-Flugnummer ist allerdings AB8574. Eine Maschine der zur Abwicklung anstehenden Schweizer Air-Berlin-Tochter Belair soll um 22:50 Uhr von Berlin kommend in Zürich landen.

Air Berlin sagt: "Macht et jut!"

Die Airline selbst verabschiedet sich unterdessen bereits von ihren Kunden: "Air Berlin bedankt sich an diesem traurigen Tag bei allen Mitarbeitern, Partnern und Passagieren, die uns über die vielen Jahre ihr Herz und ihre Treue geschenkt haben", teilte die Fluggesellschaft mit. "Macht et jut!"

"Es ist ein emotionaler Abschied für Passagiere und Airline-Mitarbeiter", heißt es in der Mitteilung. Eine rot-weiße Ära gehe nun zu Ende. Seit ihrem Erstflug 1979 habe die Airline mehr als eine halbe Milliarde Passagiere befördert. "Hoffnungen, Träume, die Sehnsucht nach der Ferne und die Liebe zum Reisen flogen immer mit und erzeugten tausende Geschichten", erklärte das Unternehmen.

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) dankte der Airline und den Mitarbeitern: Air Berlin habe ein "großartiges Stück Luftfahrtgeschichte" geschrieben und den Namen der deutschen Hauptstadt in die Welt getragen. "Schokoherz, Currywurst und die freundlichen Air-Berlin-Crews: Wir werden Euch vermissen, aber nie vergessen!"

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) würdigte die Fluggesellschaft ebenfalls mit wehmütigen Worten. Das Unternehmen sei ein "sympathischer Botschafter" Berlins gewesen und habe den Tourismussektor angetrieben, erklärte Müller. Das Ende von Air Berlin markiere einen "tiefen Einschnitt im Berliner Luftverkehr".

Zukunft für viele Mitarbeiter nicht geklärt

Müller dankte auch den Mitarbeitern der Airline für ihre jahrelange Arbeit. Er sagte, es sei "enttäuschend", dass keine Transfergesellschaft für alle Mitarbeiter zustande gekommen sei. Berlin sei stets bereit gewesen, sich finanziell zu engagieren. "Dass es da kein gemeinsames Interesse gab, für die Arbeitnehmer noch mehr zu tun, das ist enttäuschend."

© dpa, Sophia Kembowski Lesen Sie auch: Keine Transfergesellschaft für alle Air-Berlin-Mitarbeiter

Auch Verdi-Sprecherin Martina Sönnichsen beklagte das Scheitern einer Lösung für die Mitarbeiter. "Leider muss ich sagen, dass Bayern überhaupt nicht bereit war, dafür Geld zur Verfügung zu stellen." Die Angebote von Nordrhein-Westfalen und dem Bund seien "nicht ausreichend" gewesen. Nachdem eine große Auffanggesellschaft für die Mitarbeiter der Airline nicht zustande kommt, stellen sich nun die Arbeitsagenturen darauf ein, dass sich kommende Woche hunderte Mitarbeiter von Air Berlin arbeitslos melden.

Piloten und Eurowings einig über Einstellungsbedingungen

Am letzten Tag des Air Berlin-Flugbetriebs eröffnet sich derweil für einige ihrer Piloten möglicherweise doch noch eine Perspektive zu einem geordneten Übergang zur Lufthansa-Tochter Eurowings. Diese hat sich am Freitag mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) auf einen Tarifvertrag geeinigt, in dem die Einstellungsbedingungen für Air-Berlin-Piloten geregelt sind.

Laut einer Mitteilung des Unternehmens sollen die Piloten bei der deutschen Teilgesellschaft Eurowings GmbH zu deren Tarifbedingungen eingestellt werden. Damit würde für die Beschäftigten weiterhin deutsches Tarifrecht gelten. Bislang waren Einstellungen bei der in Wien angesiedelten Eurowings Europe geplant.

Anders als die für das Kabinenpersonal zuständigen Gewerkschaften Verdi und Ufo hatte die VC es lange abgelehnt, mit der Eurowings eine Vereinbarung zu den Aufnahmeregeln zu treffen. Die Gewerkschaft hatte den Air-Berlin-Flugzeugführern stattdessen bis zuletzt geraten, sich nicht auf die ausgeschriebenen Stellen bei der Lufthansa-Tochter Eurowings zu bewerben.

Winterflugplan von Kapazitätsengpässen gezeichnet

Weil Eurowings zu wenige eigene Crews besitzt, mietet sie aktuell Flugzeugen samt Besatzungen auf dem freien Markt an und setzt die kleinen Regionalflugzeuge der LGW ein, obwohl sie nur halb so viele Plätze bieten wie die Airbus-Flugzeuge die Air Berlin zuvor für Eurowings im Einsatz hatte.

Mit dem Air-Berlin-Aus fehlt es kurzfristig an Kapazität im Markt. Das Air-Berlin-Aus reißt zudem in den kommenden Monaten zum Teil deutliche Angebotslücken in die Flugpläne der Flughäfen. Ohne kurzfristige Einigung mit Easyjet fehlen auf einigen der meist beflogenen innerdeutschen Routen große Kapazitäten. Einige Verbindungen entfallen in der Folge zumindest übergangsweise ersatzlos.

© dpa, Ralf Hirschberger Lesen Sie auch: Das sind die Air-Berlin-Lücken im Flugplan

Air Berlin hatte Mitte August Insolvenz angemeldet. Die Air-Berlin-Töchter Niki und LGW werden von Lufthansa übernommen, der Logistikdienstleister Zeitfracht übernimmt Leisure Cargo sowie zusammen in einer Bietergemeinschaft mit Nayak die Air Berlin Technik.

Noch ist weiter unklar, ob es zu einem Durchbruch bei den Verhandlungen mit Easyjet und Condor kommt. Der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus sagte im "ZDF-Morgenmagazin", derzeit liefen noch Gespräche mit zwei weiteren Interessenten. Er hoffe, dass "in den nächsten Tagen Vollzug vermeldet" werden könne. "Wir gehen davon aus, dass wir 70 bis 80 Prozent der Arbeitsplätze überleiten können."

© dpa, Lesen Sie auch: Spohrs Pläne für Air Berlin

Ein Betriebsübergang aller Mitarbeiter, für den sich neben den Piloten auch Verdi eingesetzt hatte, sei nicht realistisch, stellte Kebekus klar. Man müsse das Engagement der Lufthansa respektieren, sagte er - auch wenn viele Beschäftigte davon nicht erfasst werden: "Allein durch die Übernahme von Niki und LGW werden über 1700 Arbeitsplätze gesichert", sagte Kebekus: "Da gibt es auch keine Änderungen oder Reduzierungen oder Ähnliches". Daneben könnten sich weitere 1300 Mitarbeiter bewerben. "Also reden wir schon mal über 3000."

Abwicklung von Air Berlin geht weiter

Nach dem letzten Flug geht die finanzielle und juristische Abwicklung der Air Berlin Gruppe weiter. Für den 1. November wird mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens gerechnet. Gleichzeitig steht die kartellrechtliche Überprüfung der geplanten Übernahmen durch die EU-Kommission an. Zudem gilt es als wahrscheinlich, dass es zu Klagen gegen Kündigungen oder auch gegen den Verkaufsprozess an sich kommt.

Die Bundesregierung rechnet derweil fest mit der Rückzahlung des Millionenkredits für die insolvente Fluggesellschaft Air Berlin. "Wir gehen davon aus, dass der Kredit zurückgezahlt wird", sagte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums am Freitag in Berlin. Zu den Details wollte er sich nicht äußern. Nachdem die Airline Mitte August Insolvenz angemeldet hatte, konnte der Flugbetrieb nur deshalb aufrecht erhalten werden, weil der Bund über die staatliche KfW-Bank einen Kredit über 150 Millionen Euro gewährte.

© Air Berlin, Lesen Sie auch: Der Versuch eines Air-Berlin-Zwischenfazits Apropos (21)

Von: dh mit dpa, AFP
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