Äthiopien stellt Zwischenbericht zu 737-Max-Absturz vor

04.04.2019 - 10:44 0 Kommentare

Der Absturz der Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines ist nicht auf Pilotenfehler zurückzuführen. Das geht aus den ersten Erkenntnissen der Flugunfallermittler hervor. Die Experten empfehlen Änderungen am Flugsteuerungssystem.

Die äthiopische Transportministerin Dagmawit Moges spricht auf einer Pressekonferenz über die Ergebnisse eines vorläufigen Untersuchungsberichts zum Flugzeugabsturz der Ethiopian Airlines ET 302. - © © dpa - Michael Tewelde/XinHua

Die äthiopische Transportministerin Dagmawit Moges spricht auf einer Pressekonferenz über die Ergebnisse eines vorläufigen Untersuchungsberichts zum Flugzeugabsturz der Ethiopian Airlines ET 302. © dpa /Michael Tewelde/XinHua

Die Besatzung der in Äthiopien abgestürzten Boeing 737 Max hat einer ersten Untersuchung zufolge alle vom Hersteller vorgesehenen Verfahren befolgt. Dennoch hätten die Piloten das Flugzeug nicht unter Kontrolle bringen können, sagte die äthiopische Transportministerin Dagmawit Moges am Donnerstag in Addis Abeba bei der Vorstellung der ersten Erkenntnisse aus dem vorläufigen Untersuchungsbericht zu dem Unglück vom 10. März.

Die Ermittler empfehlen Boeing, dass das Flugsteuerungssystem zur Trimmung überarbeitet wird: "Da bei der Voruntersuchung wiederholte und (vom Computer, d. Red) befohlene Sinkflugbedingungen festgestellt wurden, wird empfohlen, dass das Flugzeugsteuerungssystem in Bezug auf die Flugkontrollierbarkeit vom Hersteller überprüft wird," zitierte die Ministerin aus dem Bericht. Auch sollten Luftfahrtbehörden dieses System untersuchen, bevor die Maschine des Typs wieder fliegen könnte.

Weitere Details gab die Behörde noch nicht bekannt. Der vollständige Bericht soll bis Freitag veröffentlicht werden. Zunächst war die Veröffentlichung des Zwischenberichts bereits für Montag angekündigt worden

© dpa, Igor Kovalenko Lesen Sie auch: So ist das Vorgehen bei Flugunfalluntersuchungen geregelt Hintergrund

Teile der Ermittlungen bereits vorher geleakt

Das "Wall Street Journal" berichtete am Mittwoch, die Piloten der Ethiopian-Airlines-Maschine hätten sich zunächst an die von Boeing vorgegebene Notfallprozedur gehalten. Sie hätten das MCAS abgeschaltet, das Flugzeug aber trotzdem nicht unter Kontrolle bekommen, und das System wieder angeschaltet. Allerdings war zunächst unklar, wie das MCAS wieder aktiviert werden konnte. In Ermittlerkreisen hieß es, das System habe sich womöglich selbst wieder eingeschaltet.

Damit scheint, dass der Absturz ähnliche Ursachen hatte wie ein Unfall in Indonesien. Im Oktober war eine ebenfalls fast werksneue 737 Max der Lion Air abgestürzt. Die Untersuchungen dort laufen noch. Auch hier hat allerdings ein Zwischenbericht das Probleme mit der automatischen Trimmung als einen auslösenden Faktor identifiziert.

Die Auswertung der Flugschreiber der in Äthiopien verunglückten Boeing lässt auf "klare Ähnlichkeiten" mit dem Absturz der baugleichen Maschine in Indonesien schließen, hatte die äthiopische Verkehrsministerin Dagmawit Moges bereits erklärt, kurz nachdem französische Experten der Luftsicherheitsbehörde BEA die Daten der Blackboxes ausgelesen hatten.

Die Auswertung aller Daten zum Unglück in Äthiopien könnte insgesamt "sechs Monate bis zu einem Jahr" dauern, sagte der Leiter der Untersuchung, Amdiye Ayalew. In dieser Zeit werde untersucht, ob es "andere Probleme" bei dem Flugzeug gebe. Bislang gebe es aber keine Hinweise auf Schäden etwa durch Objekte von außen.

MCAS hatte wohl zu viel Einfluss und war nicht redundant ausgelegt

MCAS soll bei der Boeing 737 Max eigentlich Strömungsabrisse verhindern. Das System wurde nötig, denn Boeing musste die verbrauchseffizienteren, aber im Vergleich zu Vorgängerversionen der 737 auch deutlich größeren und schwereren Max-Triebwerke recht weit vor dem Flügel anbringen. Dadurch veränderten sich auch Aerodynamik der Maschinen - und zwar zum Nachteil.

Nach dem jüngsten Crash erließen Luftfahrtbehörden rund um die Welt daher bis zur Klärung der Unglücksursachen ein Flugverbot für die Boeing 737-Max-Reihe. Die rund 370 seit 2017 ausgelieferten Flugzeuge müssen daher am Boden bleiben.

Für Boeing sind die Zweifel an dem Kassenschlager, für den nach Angaben des Konzern rund 5000 Bestellungen vorlagen, ein ernsthaftes Problem. Es drohen Entschädigungsforderungen und verschiedene Prozesse. Zugleich stehen auch die Behörden FAA und Easa in der Kritik. Dabei geht es um die Zulassungspraktiken, die das potentiell unsichere System abgenickt haben.

© Boeing, Lesen Sie auch: Schwerwiegende Vorwürfe gegen Boeing nach 737-Max-Abstürzen

Das brisante an den Zulassungspraktiken ist laut amerikanischer Medien, dass Boeing das MCAS offenbar nicht nur selbst entwickelt sondern auch in großen Teilen selbst zugelassen haben soll. Darüber hinaus soll Boeing der FAA verschwiegen haben, dass nachträgliche Änderungen beim MCAS vorgenommen wurden, die den maximalen Trimmausschlag betrafen. Statt 0,6 Grad wie der FAA kommuniziert könne MCAS nach Anpassungen im Testflugbetrieb 2,5 Grad Maximalausschlag geben, schreibt die "Seattle Times" unter Berufung auf Ingenieure - und das auch mehrmals hintereinander. Gleichzeitig sei das System nicht redundant ausgelegt.

Die US-Luftfahrtbehörde FAA hat vom Flugzeugbauer Boeing nun weitere Nachbesserungen gefordert. Es sei noch "zusätzliche Arbeit" nötig, erklärte die FAA am Montag in einer Mitteilung. Die Behörde erwarte, das endgültige Softwarepaket "in den kommenden Wochen" vorgelegt zu bekommen.

Boeing hatte das dringend erwartete Update bereits vor einer Woche vorgestellt. Der Konzern sagte, man werde das Update nach der Fertigstellung "in den kommenden Wochen" der FAA zukommen lassen. "Sicherheit ist unsere oberste Priorität." Man werde sich Zeit dafür nehmen, alle Anforderungen zu erfüllen.

Das MCAS Softwareupdate

Die zwei AOA-Sensoren der Boeing 737 Max Foto: Boeing

Boeing hat am 28. März Einzelheiten zu den Änderungen seiner umstrittenen Flugsteuerungs-Software MCAS für die 737 Max vorgestellt:

  • MCAS gleicht von nun die Daten beider AOA-Sensoren (sie messen den Anstellwinkel) ab, bevor es aktiv wird. Wenn die Daten mehr als 5,5 Prozent voneinander abweichen, bleibt das System inaktiv. Hinzu kommt eine Disagree-Anzeige im Cockpit, die im Cockpit vor fehlerhaften Daten warnt.
  • MCAS greift nicht mehr so stark in die Trimmung des Höhenruders ein, dass die Piloten nicht mehr manuell gegensteuern können.
  • MCAS reagiert künftig nur mit einem einmaligen Steuerbefehl auf einen zu hohen Anstellwinkel und nicht wiederholt. So kann ein erratisches Flugprofil wie beim Lion-Air-Absturz verhindert werden.
  • Mehr Informationen zur Änderung der 737-Max-Flugsteuerung auf der Boeing-Webseite
Von: dh, dk mit AFP, dpa
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