ADV-Präsident Garvens: "Wir müssen in Deutschland höllisch aufpassen"

24.01.2017 - 15:15 0 Kommentare

Seit diesem Jahr ist der Kölner Flughafenchef Michael Garvens neuer ADV-Präsident. Im Antritts-Interview mit airliners.de spricht er über große und kleine Flughäfen, Billigflieger und die Gefahren einer Wohlfühlgesellschaft.

Michael Garvens ist ADV-Präsident und Geschäftsführer des Flughafens Köln-Bonn. Foto: © BTW, Svea Pietschmann

airliners.de: An einigen Regionalflughäfen ist sehr wenig los, während einige größere Airports mit Kapazitätsproblemen zu kämpfen haben. Woran liegt das?
Garvens: Das liegt an der polyzentrischen Struktur. Wir haben in Deutschland mindestens acht wichtige Wirtschaftszentren, anders als beispielsweise Frankreich mit Paris. Das spiegelt sich ein Stück weit auch in der Flughafenstruktur wieder.

Billigflieger wie zum Beispiel Ryanair drängen immer mehr auch auf die großen deutschen Flughäfen. Welche Folgen hat das für die deutschen Airports - sowohl für die größeren als auch die kleineren?
Michael Garvens: Wir beobachten die Entwicklung, dass sich derzeit vor allem die paneuropäischen Low-Cost-Carrier stärker aus der Fläche - also von den kleinen Airports - zurückziehen und auf die großen Flughäfen gehen. Das führt vor allem bei den kleineren Standorten zu erheblichen Problemen. Dazu gehören rückläufige Passagierzahlen, aber natürlich auch schwierige wirtschaftliche Situationen.

Werden die kleineren Flughäfen denn einen Boom erleben, wenn die Kapazitäten der großen Airports ausgeschöpft sind und diese auch nicht mehr erweitert werden können?
Garvens: In 15 bis 20 Jahren, wenn an dem einen oder anderen großen Flughafen nichts mehr geht, sind wir wahrscheinlich froh, dass wir auf die Regionalairports zurückgreifen können. Aber auch unabhängig davon nehmen die kleineren Flughäfen schon heute eine wichtige Rolle ein. Wie gesagt, wir haben in Deutschland eine polyzentrische Wirtschaftsstruktur. Der deutsche Wohlstand wird vor allem vom Mittelstand getragen. Diese sind auch in der Fläche beheimatet und brauchen deshalb zwingend Anschluss an das weltweite Luftverkehrsnetz. Das funktioniert auch dank der Regionalairports.

Über den Interviewpartner

Michael Garvens ist Chef des Airports Köln-Bonn und seit dem 1. Januar auch Präsident des Flughafenverbandes ADV. Vor seiner Tätigkeit in Köln-Bonn war er Geschäftsführer der Globe Ground Berlin GmbH, einem Gemeinschaftsunternehmen der Lufthansa und der Berliner Flughafengesellschaft. Garvens war außerdem innerhalb des Lufthansa-Konzerns mehr als zehn Jahre lang in unterschiedlichen Positionen tätig.

Seit vielen Jahren wird über eine mögliche dritte Start- und Landebahn am Flughafen München diskutiert. Doch eine Entscheidung steht immer noch aus. Befürchten Sie, dass es in Zukunft für Ausbauprojekte an deutschen Airports keine politische Mehrheit mehr gibt?
Garvens: Ich zitiere da gerne den nordrhein-westfälischen Verkehrsminister, Michael Groschek: "Wir leben in einer alternden Wohlfühlgesellschaft." Auch ich befürchte, dass der Wohlfühlfaktor eher zu- als abnehmen wird. Und das ist etwas, was mich persönlich häufig auf die Palme treibt. Viele, die das Fliegen gerne und häufig in Anspruch nehmen, gehen auf die Barrikaden, sobald sie von Ausbau- oder Erweiterungsprojekten persönlich betroffen sind.

Mit welchen Folgen?
Garvens: Das tut unserem Land insgesamt nicht gut, denn dieses Phänomen betrifft nicht nur den Luftverkehr. Die anderen warten nicht auf uns und bauen ihre Infrastruktur massiv aus - zum Beispiel am Golf, in China oder der Türkei. Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir beim globalen Luftverkehr nicht den Anschluss verpassen. Wenn der Anschluss nämlich erst mal verpasst ist, ist das unumkehrbar. Wir sagen in Köln immer so schön: "Was fott es, es fott". Das heißt, wenn Märkte oder Verkehre weg sind, gewinnt man sie in aller Regel nicht wieder zurück.

Von: ch
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