Forschen in Schwerelosigkeit

Achterbahnfahrt auf 6.000 Meter Höhe

25.09.2012 - 11:11 0 Kommentare

Schweben wie ein Astronaut: Auf Parabelflügen können Forscher in Schwerelosigkeit experimentieren. Die Flüge sind ein rasanter Abstecher in eine surreale Welt und eine körperliche Grenzerfahrung.

Teilnehmer eines Parabelflugs des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) schweben in der Kabine des Airbus A300 Zero-G.

Teilnehmer eines Parabelflugs des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) schweben in der Kabine des Airbus A300 Zero-G.
© DLR

Der Airbus A300 ZERO-G der französischen Firma Novespace steht am 15.09.2012 auf dem ILA-Rollfeld.

Der Airbus A300 ZERO-G der französischen Firma Novespace steht am 15.09.2012 auf dem ILA-Rollfeld.
© DLR

Die Leiterin des Parabelflugprogramms des Deutschen Zentrum f

Die Leiterin des Parabelflugprogramms des Deutschen Zentrum f
© DLR

Kapitän Stephane Pichene sitzt im Cockpit des Airbus A300 Zero-G

Kapitän Stephane Pichene sitzt im Cockpit des Airbus A300 Zero-G
© DLR

Es ist fast wie eine Reise ins All. Blechern tönt das Kommando aus den Lautsprechern der Flugzeugkabine: «3, 2, 1, pull up». Dann hebt Kapitän Stéphane Pichené die Nase des Airbus. Die Passagiere in ihren schlumpfblauen Fliegeranzügen spüren ihr Gewicht plötzlich doppelt. 20 Sekunden zerrt fast die zweifache Schwerkraft an den Wangen, scheinen Hanteln an den eigenen Armen zu hängen.

Dann die erlösende nächste Durchsage: «injection». Binnen Sekunden fällt jedes Gewicht von den Mitfliegern ab, ihre Körper lösen sich ohne ihr Zutun vom Boden. Oben und unten gibt es nicht mehr. Spontan fangen viele an zu lachen. Sie hängen unter der Decke, rudern mit den Armen, stoßen wie Billard-Kugeln gegen die Kabinenwand. Schwerelosigkeit.

Nur wenige Menschen haben die Chance, dieses Gefühl zu erleben: als Astronaut - oder an Bord eines Parabelflugs, bei dem mit einem waghalsigen Flugmanöver für eine kurze Zeit die Erdanziehungskraft überlistet wird. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) bietet solche Flüge als fliegendes Labor für Forscher an.

Normalerweise starten diese Flüge im französischen Bordeaux - doch zum Abschluss der 20. Flugkampagne hat das DLR zwei Flüge ab Berlin organisiert. In einem Konferenzzelt auf dem Gelände der Luftfahrtausstellung ILA stimmt DLR-Vorstandschef Johann-Dietrich Wörner auf den Flug ein. «Sie werden das hier erleben», kündigt er an, während hinter ihm ein Bild des Airbus A300 Zero-G der französischen Firma Novespace erscheint. Auf dem Foto zeigt die Nase des Flugzeugs steil nach oben.

Um Schwerelosigkeit zu erreichen, fliegt Kapitän Stéphane Pichené - ein französischer Testpilot mit kurz geschorenen Haaren, militärischer Haltung und olivgrünem Fliegerdress - eine Parabel. So ahmt er die Flugbahn einer Kugel nach, die schräg in die Luft geworfen wird. «Wenn man ein Objekt in die Luft wirft, ist es im freien Fall kurzzeitig schwerelos», erklärt der 50-Jährige.

Achterbahnfahrt am Himmel

Das Manöver startet auf 6.000 Metern Höhe. Zwei Piloten ziehen den umgebauten Airbus A300 hoch, bis er etwa 47 Grad Schräglage erreicht - bei einem normalen Start sind es maximal 18 Grad. Dann kippen sie das Flugzeug nach vorne und steuern in einen fast ebenso steilen Sinkflug, bis sie das Flugzeug wieder abfangen. Gut 20 Sekunden herrscht dabei Schwerelosigkeit, davor und danach ebenso lange die doppelte Erdanziehungskraft. Eine Achterbahnfahrt im Himmel.

Vor dem Start gibt es die blauen Ganzkörperanzüge und Spritzen mit einem Mittel gegen Reisekrankheit. Ohne dieses Medikament, hat das DLR vorab informiert, werde jedem zweiten Erstflieger schlecht. Es hat aber noch eine andere Wirkung: «Da fühlt man sich, als hätte man Alkohol auf ex getrunken», erzählt eine DLR-Mitarbeiterin.

Am Terminal steht der Parabelflug auf der Abfluganzeige zwischen Easyjet und Germanwings - Start: 9.00 Uhr, Flugnummer: DLR 1509, Ziel: Rundflug, Status: Boarding. Nicht nur Urlauber schauen fragend auf die blaue Karawane, die da an ihnen vorbeimarschiert, auch die Mitarbeiter an der Sicherheitskontrolle machen große Augen.

Über Vera Abelns Ausstattung schüttelt ein junger Sicherheitsmann mit blondierter Gel-Frisur ungläubig den Kopf. Die 29 Jahre alte Sportwissenschaftlerin aus Köln ist Testperson für ein Experiment und schon komplett verkabelt am Flughafen eingetroffen. Auf ihrem Kopf trägt sie eine weiße Kappe, darin einen Wust aus Sonden und Kabeln. Wenn sie auf einen Knopf drückt, leuchtet das Arrangement grün und rot. «So sehe ich eher aus wie ein Schlumpf, mit Licht wie ein Weihnachtsbaum», hat sie zuvor im Bus erzählt. Doch durch den Metalldetektor kommt sie mit dem Kabelsalat nicht - sie muss zur Nachkontrolle.

Gepolsterter Airbus

Auf dem Rollfeld wartet bereits die A300 Zero-G. Deren Kabine sieht vorne und hinten fast so aus wie in einem normalen Flieger. Die Sitze sind etwas abgewetzt, das graue Plastik der Klapptischchen vergilbt. Der mittlere Teil der Kabine erinnert hingegen an eine Mischung aus Sporthalle und gepolsterter Einzelzelle: Am Boden, an der Decke und an den Wänden sind weiße Schaumstoffmatten angebracht. Fangnetze unterteilen das Areal. Ein weiterer Effekt der Spritze macht sich bemerkbar, die Münder werden trocken.

Ein französischer Flugbegleiter in orangenem Fliegeranzug verteilt grinsend Spuckbeutel aus Papier. «Öffnen Sie ihn, bevor Sie sich übergeben», rät ein weiterer Mann in Orange, und fügt hinzu: «Das kann sehr schnell gehen.» Er hat noch einen weiteren guten Tipp parat - nämlich die benutzte Tüte vor der nächsten Parabel zu verschließen.

Eine halbe Stunde später ist es soweit. Die A300 fliegt über der Ostsee, die Flugsicherung hat den Luftraum gesperrt. Der Pilot kündigt die erste Parabel an. Die Anspannung ist spürbar, fast alle suchen sich einen Platz am Rand der Kabine, wo sie sich mit dem Rücken zur Wand auf den Boden setzen.

Mars- und Mondparabel

Der Countdown beginnt. «Don't move your head», ruft jemand von der Crew. Es ist der Satz, den die DLR-Leute, der Flugkapitän und auch der begleitende Arzt den Passagieren eingetrichtert haben. Während der Hyper-Schwerkraft-Phasen werden die Härchen im Ohr nach unten gedrückt, sie signalisieren dem Gehirn daher: Du bewegst dich nicht. Wer nun den Kopf bewegt, dessen Augen melden das Gegenteil. «Und dann sagt das Gehirn dem Magen: Übergib dich», hat DLR-Chef Johann-Dietrich Wörner gewarnt.

Die erste Parabel ist eine Marsparabel. Dabei herrscht im Flieger die gleiche Anziehungskraft wie auf dem Roten Planeten, rund 40 Prozent der Schwerkraft auf der Erde. Novespace-Chef Jean-François Clervoy - der als Esa-Astronaut schon im All war - und andere erfahrene Parabelflieger hopsen sogleich durch die Kabine, Hoch- und Weitsprung sind plötzlich ein Klacks. Die Erstflieger sind etwas zurückhaltender, bewegen sich vorsichtig.

Trotzdem breitet sich Begeisterung aus: Als die plötzliche Leichtigkeit eintritt, ertönt ein kollektives «wow». «Ist das geil», ruft jemand. Als zweites folgt eine Mond-Parabel mit einem Sechstel der Erd-Schwerkraft, dann komplette Parabeln mit Schwerelosigkeit.

Die Wissenschaftler halten sich während der Schwerelosigkeitsphasen an Gurten fest, manche sind gleich ganz am Boden festgeschnallt. An jedem Experiment gibt es einen roten Notaus-Knopf. 14 Versuche waren während der zweiwöchigen Kampagne an Bord, an diesem Tag ist es nur eine Handvoll.

Hinten in der «free floating area» geht es dagegen weniger systematisch zu. In der surrealen Welt der Schwerelosigkeit verheddern sich Körper ineinander, es fällt schwer, die Folgen eigener Bewegungen abzuschätzen.

Der Mund fühlt sich inzwischen an, als sei man einen Tag durch eine Wüste marschiert. Die Digitalanzeige im vorderen Bereich der Kabine kündigt die 15. Parabel an. Zum letzten Mal heißt es: Augen geradeaus. Ein letztes Mal können die Mitflieger sich wie Astronauten fühlen, dann ertönt die Warnung: «pull out» - und alle plumpsen auf den Kabinenboden. Die Schwerkraft hat sie wieder in ihrem Griff.

Von: Sebastian Kunigkeit, dpa
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