Abschlussbericht zu Germanwings-Absturz vorgelegt

13.03.2016 - 22:40 0 Kommentare

Die Flugunfallermittler haben ihren Abschlussbericht zum Germanwings-Absturz vorgestellt. Die Ermittler empfehlen unter anderem einheitliche Richtlinien zur ärztlichen Schweigepflicht.

Wrackteile von Germanwings Flug 4U9525 in den französischen Alpen. - © © dpa - EPA/F. BALSAMO / SIRPA GENDARMERIE / MINISTERE DE L'INTERIEUR

Wrackteile von Germanwings Flug 4U9525 in den französischen Alpen. © dpa /EPA/F. BALSAMO / SIRPA GENDARMERIE / MINISTERE DE L'INTERIEUR

Die Flugunfallermittler der französischen BEA haben jetzt in Le Bourget bei Paris ihren Abschlussbericht zum Germanwings-Absturz vom 24. März 2015 vorgelegt. Neu sind dabei die Ermittlungsergebnisse zu den psychologischen Erkrankungen des Copiloten und die Schussfolgerungen daraus.

Bei ihren Sicherheitsempfehlungen geht es den Ermittlern neben Ansätzen zur besseren Identifizierung von psychisch belasteten Piloten vor allem auch um die Balance zwischen ärztlicher Schweigepflicht und öffentlicher Sicherheit.

Ärztliche Schweigepflicht als Sicherheitsrisiko

Mehrere Ärzte hätten von der Erkrankung des Copiloten gewusst, sagte BEA-Experte Arnaud Desjardins. "Aber diese Information ist weder zu den Luftfahrtbehörden noch zum Arbeitgeber Germanwings gelangt." Die Ärzte hätten ihre ärztliche Schweigepflicht über die in Deutschland nur sehr allgemein geregelte Auskunftspflicht gegenüber Behörden bei einer möglichen Bedrohung der öffentlichen Sicherheit gestellt.

Den Ermittlern zufolge hatte ein Arzt beim Copiloten zwei Wochen vor dem Absturz eine Psychose diagnostiziert und eine Krankschreibung ausgestellt. Bei einer Psychose handelt es sich um eine schwere psychischen Störung mit zeitweiligem weitgehenden Verlust des Realitätsbezugs. Der behandelnde Psychiater verschrieb Antidepressiva und Schlafmittel.

In der Woche vor dem Absturz wurde der Pilot dann von einem anderen Arzt erneut krank geschrieben. Auch das verheimlichte er aber seinem Arbeitgeber und trat den Dienst an, so auch am Tag des Absturzes.

Als eine Sicherheitsmaßnahme empfehlen die Ermittler daher die Schaffung klarer Richtlinien, die auf die Besonderheiten von Verkehrspiloten Rücksicht nehmen sollen und gleichzeitig die möglichen juristischen Folgen für Ärzte begrenzt.

Es müssten für Ärzte "klarere Regeln" eingeführt werden, "um zu wissen, wann es notwendig ist, die ärztliche Schweigepflicht zu brechen", so das BEA. Nicht einmal innerhalb der EU gäbe es einheitliche Regelungen.

Nachuntersuchungen für psychisch kranke Piloten

Gleichzeitig empfehlen die Unfallermittler bei der Ausstellung von flugmedizinischen Tauglichkeitszeugnissen für Piloten mit bekannten psychologischen Vorerkrankungen besondere Nachuntersuchungen von speziell ausgebildeten Sachverständigen. Diese hätten für den Germanwings-Copiloten gegriffen, der bereits früher wegen Depressionen seine Flugausbildung unterbrechen musste.

Die Experten der BEA empfehlen sogar die Entwicklung von Richtlinien, die es Piloten unter ärztlicher Aufsicht ermöglichen sollen, Antidepressiva zu nehmen ohne die Flugtauglichkeit zu verlieren. Darüber hinaus sollen vertrauliche "kollegiale Unterstützungsprogramme" gefördert werden.

Von einer generellen psychologischen Untersuchung für alle Piloten raten die Ermittler allerdings ab. Das sei "weder produktiv noch kosteneffektiv". Allerdings sollen Daten über psychologische "Ausfälle" von Piloten gesammelt und ausgewertet werden.

Derweil sehen es die Unfallermittler als sicherheitsrelevant an, dass ein Verlust der Fluglizenz aus medizinischen Gründen zu sozialen Härtefällen führen kann. Das Prinzip der Selbstauskunft werde geschwächt, wenn Piloten aus sozialwirtschaftlichen Beweggründen von einer Selbstauskunft über gesundheitliche Probleme absehen. Davon gehen die Ermittler im Germanwings-Fall aus.

Keine Sicherheitsempfehlungen zu Cockpittüren

Keine Änderung verlangt die BEA bei dem Verriegelungssystem von Cockpit-Türen. Der Copilot hatte die Tür verriegelt, nachdem der Kapitän das Cockpit verlassen hatte - dieser hatte keine Möglichkeit, die Tür von außen zu öffnen. Entsprechende Sicherheitsmaßnahmen wurden nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vorgeschrieben, um ein Eindringen von Terroristen zu verhindern. BEA-Chef Rémy Jouty betonte am Sonntag, die "terroristische Gefahr" bestehe nach wie vor.

Flugunfallermittler klären nicht die Schuldfrage

Die Flugunfallermittler haben die Aufgabe, Unfallursachen herauszufinden und daraus Maßnahmen abzuleiten, wie ähnliche Unfälle in der Zukunft verhindert werden können. Anders als die Ermittler der Staatsanwaltschaften klären die Flugunfallermittler nicht die Schuldfrage.

Die Unfallursache zu Germanwings-Flug 4U9525 hatte die französische Flugunfalluntersuchungsbehörde BEA bereits in einem Zwischenbericht dargelegt: Das Flugzeug wurde vom Copiloten vorsätzlich zum Absturz gebracht.

Der Schlussbericht führt nun neben umfangreichen Untersuchungen zum Unfallhergang auch eine Auflistung von Unfallursachen sowie die Erörterung von insgesamt sechs Sicherheitsempfehlungen auf. Hier kann der BEA-Abschlussbericht auf deutsch heruntergeladen werden.

Pilotengewerkschaft fordert zügige Umsetzung

Die Pilotenvereinigung Cockpit lobte die BEA-Forderungen: "Die Sicherheitsempfehlungen der Unfalluntersuchungsbehörde bilden ein ausgewogenes Maßnahmenpaket, um solch eine Katastrophe in Zukunft weniger wahrscheinlich zu machen", sagte Sprecher Markus Wahl in Frankfurt am Main. Die Empfehlungen müssten zügig umgesetzt werden. "Die aus reinem Aktionismus eingeführte Zwei-Personen-Regel oder unangekündigte Drogen- und Alkoholtests hingegen bieten keine Verbesserung der Sicherheit und gehören daher wieder abgeschafft."

© AirTeamImages.com, Olivier Corneloup Lesen Sie auch: Unangekündigte Pilotenkontrollen sollen ins Luftverkehrsgesetz einfließen

In Deutschland streben Union und SPD bereits eine Änderung des Luftverkehrsgesetzes an. Dabei geht es auch um die Einführung zufälliger Drogentests. Die Pläne gehen zurück auf eine Arbeitsgruppe, die Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) nach dem Absturz eingesetzt hatte. Auch soll es künftig eine flugmedizinische Datenbank geben. Das soll verhindern, dass kranke Piloten durch Arztwechsel ihre Probleme verschleiern.

Alle Meldungen zum Germanwings-Unglücksflug 4U9525.

Von: dh mit dpa, AFP
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