Schiene, Straße, Luft (9) Aber wehe, wenn es stürmt

Nicht nur ein Sturm macht dem deutschen Verkehr ordentlich zu schaffen. Die wahre Bewährungsprobe kommt, wenn der Wind abflaut, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig. Dann zeigt sich, wie gut es ist, zwischen mehreren Verkehrsträgern wählen zu können.

Windsack - © © dpa - Friso Gentsch

Windsack © dpa /Friso Gentsch

"Das Thema ist durch." Vier Tage nach Xavier demonstriert Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber Gelassenheit. Ja, sie hätten auch Probleme mit dem Sturmtief gehabt: "Für Stunden" seien in Berlin und Hamburg die Flughäfen gesperrt gewesen, aber jetzt rede davon schon keiner mehr. Der Flugbetrieb laufe normal.

Was im Netz viral ging, war die spektakuläre Landung einer Emirates A380 trotz erheblicher Turbulenzen in Düsseldorf. Hier und da machten sich Gerätschaften am Airport selbständig, aber am Tag danach merkte der Reisende nichts mehr von Böen und Wirbeln des Vorabends.

Die Bahn redet eine Woche lang vom Wetter

Ganz im Gegensatz zur Deutschen Bahn. Schon vor der pünktlichen Ankunft von Xavier redeten ihre Fahrgäste vom Wetter: Die DB legte das norddeutsche Netz still. So musste zumindest kein Zug auf offener Strecke evakuiert werden. Ok, dass sie während des Sturms nicht fuhren, versteht jeder. Aber DB Netz musste eine Woche lang vom Wetter reden. Die direkte, vielgenutzte Verbindung Berlin-Hamburg war mehr als vier Tage lang gesperrt.

So mancher hätte sich am Wochenende nach Xavier vermutlich eine Flugverbindung zwischen Hamburg und Berlin gewünscht. Absurd wurde es auf der Strecke Hannover-Magdeburg, die bis zum 9. Oktober ebenfalls gesperrt war. Für die 147 Kilometer und normalerweise eine Stunde 19 Fahrzeit empfahl die Bahn als Umleitung die Reise über Erfurt und Fulda: 585 Kilometer und mindestens dreieinhalb Stunden Fahrzeit. Gut, dass es den Fernbus gab: zwei Stunden 20 auf direktem Weg.

Straßen haben sich nach 48 Stunden erholt

Als Xavier sein zerstörerisches Werk beendet hatte, zeigte das Regionalfernsehen ein Teilstück der A10 des westlichen Berliner Rings. Die Autobahn ist dort vierspurig ohne Standstreifen, und die Bäume stehen wie an einer Allee hinter der Leitplanke. Am Donnerstagabend standen einige davon nicht mehr, sondern lagen auf der Piste.

Andere hatten große, belaubte Äste auf die Fahrbahn geworfen. Autos fuhren mit Tempo 30 (normalerweise ist da 120 erlaubt) im Slalom um Stämme, Äste und Laubhügel herum. 48 Stunden später sah die Trasse aus, als wäre nichts gewesen. Feuerwehr und Autobahnmeisterei hatten ganze Arbeit geleistet. Und das galt für das gesamte Autobahnnetz.

Bei Sicherheit punktet die Bahn nicht

Xavier hat drastisch gezeigt, wie wertvoll eine funktionierende Infrastruktur mit allen Verkehrsträgern ist, um die unterschiedlichen Herausforderungen einer hochmobilen Gesellschaft zu meistern. Wenn Sicherheit "zeitlich berechenbar" ist, bedeutet dies, die Bahn ist aus Verbrauchersicht viel zu oft kein sicheres Verkehrsmittel mehr.

Das gilt für Fahrgäste, aber erst recht für Logistik, die lange im voraus geplant werden muss. Spediteure und nicht-bundeseigene Eisenbahnunternehmen klagen über Millionenverluste, das Unternehmen steht nach jahrelanger Spar- und Netzreduktionspolitik hilflos da, auch wenn sich die vor Ort verbliebenen Mitarbeiter redlich bemühen.

Das Flugzeug als Verkehrsträger schneidet bei der Bilanz nach dem Sturm gut ab. Schadenfreude ist dennoch nicht angesagt: Wenn am Flughafen wegen des Sturms keine S-Bahn fährt und die Taxenzufahrten restriktiv gehandhabt werden - wie zum Beispiel in Berlin-Schönefeld -, steht der Reisende ebenfalls gelackmeiert da, nur an anderer Stelle. Und wir haben lange keine Vulkanasche mehr gehabt in unseren Breiten.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de

Datum: 13.10.2017 - 08:29

Adresse: http://www.airliners.de/aber-schiene-strasse-luft-sturm-xavier/42593