Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.
Nordpol oder nicht Nordpol, das war die Frage, als ich im August 2004 auf dem Flughafen Newark bei New York zu spätabendlicher Stunde den Kapitän unseres Fluges SQ21 nach Singapur traf. Er gab ein kurzes Briefing zum geplanten Flugverlauf, einem Meilenstein der zivilen Luftfahrt. Damals hatte erst wenige Wochen zuvor der längste Linienflug der Welt Premiere gefeiert – unfassbare 15.345 Kilometer Großkreisentfernung vom Hudson River an die Straße von Malakka.
Singapore Airlines hatte eigens eine Pressereise aus Europa dazu organisiert. Wir genossen zunächst zwei Tage lang den New Yorker Sommer, bevor es um die halbe Welt ging mit der damals neuen A340-500. Wir hofften darauf, in der hellen Polarnacht den Nordpol zu überqueren, das ist die übliche Route – aber die Winde waren nicht so. Trotzdem wurde es kurz nach dem nächtlichen Start in Newark schon wieder hell – wir flogen eindeutig nach Norden.
Ich hielt mich wach, wollte genau unsere Route verfolgen. Doch die war unspektakulär, ging fast wieder nach Hause. Statt dem Nordpol drangen wir gerade mal bis Stockholm nach Norden vor. Dann erlahmte meine Energie. Kein Wunder, wenn man bereits den Nordatlantik überquert hat und dann auf dem Bildschirm vor einem steht: „Remaining flight time to Singapore: 12:15 hours“.
Nimmt denn diese Reise nie ein Ende – das war der Gedanke, den ich wie Kaugummi in meinem träger werdenden Gehirn hin und her wendete. Ich hatte ein bequemes flaches Bett in der Business Class (damals gab es an Bord noch zwei Klassen, inzwischen nur noch hundert Business-Sitze), das Bordunterhaltungssystem bot reichlich Optionen, aber irgendwie ist mein Körper nicht dafür gemacht, endlose Stunden in einer Metallröhre am Himmel zu verharren. Alle Aktivitäten an Bord fanden irgendwann wie unter einem Grauschleier statt. Komischerweise schliefen viele Passagiere endlose Stunden am Stück, keine Ahnung was die genommen hatten.
Die Fenster waren stets verdunkelt, egal ob draußen gerade Nacht oder Tag war. Jegliches Gefühl für Zeit kam einem vollkommen abhanden. Klar war immer nur: Wir sind schon lange unterwegs und es dauert noch ewig bis nach Singapur. Ab und zu ging ich nach hinten in die Premium Economy-Kabine, wo es eine kleine Stehbar gab, plauderte mit anderen Passagieren, trank etwas.
Es gelang mir sogar mit gespielter Arglosigkeit, einem Geheimnis auf die Spur zu kommen: Es gibt, wie Gerüchte damals besagten, an Bord tatsächlich erstmals ein Staufach für Leichen während des Fluges Verstorbener. Und zwar in einer Galley. Eine Flugbegleiterin zeigte es mir auf Nachfrage, öffnete es sogar – drinnen lagerte kistenweise Orangensaft, glücklicherweise haben auf unserem Flug alle überlebt. Ich machte sogar Fotos von dem „Singapore Girl“ vor dem Leichenfach. Die Bilder –obwohl extrem unspektakulär- liegen bis heute im Giftschrank. Der SIA-Pressesprecher hatte mir unter Androhung lebenslanger Feindschaft verboten, sie je zu veröffentlichen.
Irgendwann landeten wir tatsächlich auf dem Changi Airport. Es war stockdunkel, früh morgens, und den Zombies an Bord war inzwischen alles ziemlich egal geworden, nachdem sie genau 18 Stunden und elf Minuten oberhalb des Erdbodens verbracht hatten. Wer bin ich, woher komme ich, wohin will ich, wo bin ich hier, wie spät ist es, habe ich Hunger, bin ich müde – alle diese Fragen konnten wir nicht mehr beantworten.
Eine solche Form von Super-Jetlag hatte ich noch nie erlebt und auch seitdem nie wieder. Wie vom Himmel gefallen kam man sich vor. Einer meiner Kollegen fand dafür in der Sonntagszeitung eine geniale Headline, angelehnt an den Titel meines Lieblingsfilms „Lost in Translation“ mit Scarlett Johannson: „Lost in Aviation“.
Kein Film hat je schöner die Verlorenheit und Entwurzelung widergespiegelt, die man durch die Versetzung auf einen anderen Erdteil verspürt. Und damit genau unsere Situation – die wir zwischen Amerika und Asien gleich noch Europa übersprungen hatten.
Vor wenigen Tagen hat SIA das Ende der Ultralangstrecken nach Newark und Los Angeles für Ende 2013 bekanntgegeben. Es rechnet sich bei den hohen Spritpreisen einfach nicht,das Flugzeug zu einer Art fliegendem Tanker zu machen. Ich hatte inzwischen eine weitere Einladung auf einen Mitflug ausgeschlagen und glaube nicht, dass ich mir das nochmal antun muss.
Menschenfreundlicher ist der alternative Flug von New York mit zwei Stunden Bodenzeit in Frankurt und dann weiter nach Singapur allemal, auch wenn die gesamte Reisezeit fast sechs Stunden länger dauert. Und vielleicht darf ich ja dann nach Ende der Flüge auch endlich die Bilder vom Leichenfach publizieren – ich nehme Gebote zum Erstabdruck entgegen.
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